Mehr als 2500 Zwangsarbeiter im Kreis Leer
Von Boen bis Tichelwarf und von Diele bis Weener - Auch Meyer-Werft - Thema an der Basis vergessen
Günter Faupel, Rheiderland-Zeitung, 10. 12. 1999

Rheiderland/Leer/Papenburg (fau). 

Vergessen? Verdrängt? Oder einfach nicht im Bilde? Mehr als 2 500 Zwangsarbeiter hat es unter dem NS-Regime im Kreis Leer gegeben, viele davon im Rheiderland. Während Bundesregierung und Industrie, vertreten durch den Sonderbeauftragten Otto Graf Lambsdorff, auf internationaler Ebene schon über ein Jahr mit den Anwälten der Opfer verhandeln und jetzt eine Entschädigungssumme von acht Milliarden DM angeboten haben, war das Thema im Kreis Leer tabu. Kein politisches Gremium hat sich mit dem delikaten und zugleich brisanten Thema befasst. Das wird jetzt ein Ende haben.

Kreis-Sprecher Dieter Backer kündigte auf Anfrage der » Rheiderland « -Zeitung an: »Wir werden uns dem Thema stellen. « Zuerst gelte es aber, Informationen und Erkenntnisse zu sammeln.Dabei stelle sich auch die Frage, wer noch lebe, wo die Nachkommen seien und oder der Kreis in das System der Zwangsarbeit involviert gewesen sei. »Dann werden wir das Thema in die politischen Gremien einbringen. « Weeners Bürgermeister Peter Freesemann war in den vergangenen eineinhalb Jahren schon mit zwei konkreten Fällen befasst. »Es handelte sich um Entschädigungsanfragen von zwei Bürgerinnen aus Russland, die bei Kladde zw angsgearbeitet haben. « Kladde ist der frühere Flugzeugbau-Betrieb auf dem Gelände des Gerätedepots. Da weder dieses noch die Stadt Rechtsnachfolger der Firma Kladde ist, hat Freesemann den Entschädigungs -Wunsch an den Bundestagsabgeordneten Reinhold Robbe weiter geleitet. Dieser, so der Bürgermeister, habe möglicherweise Geld aus einem Fonds bereit gestellt. Im zweiten Fall habe es sich um eine Anfrage nach mehr Informationen gehandelt. Beide Fälle seien verwaltungsintern behandelt worden. »Wir haben selbst noch einen großen Informationsbedarf und sind für jeden Denkanstoß dankbar. Ich kenne bisher nur den Fall Kladde«, erklärte Freesemann und kündigte ebenfalls an, »die Thematik in die politischen Gremien reintragen « zu wollen.Im Kreis Leer existierten unter den Nationalsozialisten 15 Zivilarbeitslager, davon neun im Rheiderland. In den Lagern waren 2 630 Menschen kaserniert. Die Angaben fußen auf Auflistungen (siehe rechts) in dem Buch »Das nationalsozialistische Lagersystem« aus dem Verlag Zweitausendeins, Frankfurt. Im Herbst 1944 war im Reichsgebiet jeder dritte Arbeitsplatz von einem Ausländer besetzt. Die Zahl ziviler Arbeitslager wird mit 20 000 angegeben. Die Lebensbedingungen in ihnen und die Schärfe ihrer Bewachung, meistens wie im Rheiderland Baracken, war ganz unterschiedlich und nicht zuletzt abhängig vom Träger. Das war mal die Partei, ein Industriebetrieb, eine Kommune, eine Kreisbauernschaft oder eine Behörde. 

Wer waren die Zwangsarbeiter?  Bei dieser Frage muss im Vorweg unterschieden werden zwischen 
- Häftlingen aus Konzentrations- und Vernichtungslagern 
- Häftlingen aus Strafgefangenenlagern (wie den Emslandlagern) 
- Kriegsgefangenen und 
- Fremdarbeitern, 
die auch Zwangsarbeiter, Ostarbeiter oder Zivilarbeiter genannt werden.Der große Teil der Zwangsarbeit wurde von Fremdarbeitern abgeleistet. Dieses waren Polen, Russen, Ukrainer, Franzosen, Niederländer und andere Nationalitäten - Menschen, die in besetzten Gebieten rekrutiert worden, anfänglich mit Verlockungen, Versprechungen und Kampagnen, dann >dienstverpflichtet< später waren Zwang und Gewalt die Regel, sie wurden verschleppt. ĄDie a11ermeisten haben hier nicht freiwillig gearbeitet", ist sich auch Fietje Ausländer aus Tichelwarf sicher. Er arbeitet beim Dokumentations- und Informationszentrum Emslandlager (DIZ) in Papenburg. Angesagt war Ausbeutung der Arbeitskraft. Unter welchen Verhältnissen die »Fremdvölkischen«, mehrheitlich kamen sie aus Polen und der Sowjetunion, arbeiteten, wohnten und leben konnten hing stärker als vom Lager-Träger davon ab, welcher »Rasse« sie waren.Diese wurden meistens zusammen gehalten. »Westarbeitern « erging es weniger schlecht als dem großen Heer der » Ostarbeiter«, Diesen verblieb nach Abzügen für Unterkunft und Verpflegung - sogar eine Ostarbeiterabgabe mussten sie zahlen - vielfach nur ein Hungerlohn, litten Not und an Unterernährung. Es gab aber auch Zeiten und >slawische<  Lager mit leidlicher Verpflegung .Die Fremdarbeiter wurden erst hauptsächlich in der Landwirtschaft herangezogen, mit dem langen Abnutzungskrieg dann in wachsendem Maße in der Industrie. Anders als die KZ lagen die Zivilarbeitslager im Wahrnehmungsfeld der Bevölkerung - um so überraschender ist, dass im Rheiderland kaum noch jemand von der Existenz der zivilen Lager weiß. Eher steckt in den Köpfen, dass die Russen und Polen >sehr gut verpflegt< wurden.

Arbeitsdienste mussten in dieser Region aber auch Gefangene aus emsländischen Straflagern verrichten. Zwei belegte Beispiele : SO Häftlinge aus dem Emslandlager Brual-Rhede mussten im Hafen von Leer Holzladungen löscheri, Zu den Zwangsverpflichteten auf der Meyer Werft gehörten auch Strafgefangene aus dem Lager Aschendorfermoor, die täglich mit Lkw heran transportiert wurden. Auch hat es nach Kenntnis von Weeners Alt-Bürgermeister und ExMeyer-Mann Hako Haken eine eigenständigeBaracke für Zwangsarbeiter auf dem alten Werftgelände gegeben. Genaueres wird sicherlich der jetzige Betriebsratsvorsitzende Helmut Plöger ans Licht bringen, der sich auch dieses Themas aktuell für die Jubiläumsschrift über den Betriebsrat annimmt.Zum Teil wurden die Zwangsarbeiter im Rheiderland nach Angaben der damaligen Bürgermeister auch zu öffentlichen Aufgaben herangezogen, die in der Zuständigkeit der Gemeinden lagen - zum Beispiel als Schanzarbeiter zum Gräbenziehen. An diesem Punkt kommendie drei der acht Milliarden ins Spiel, die die Bundesregierung in das Entschädigungs-Paket einzahlen will. Deckt diese Summe auch die öffentlichen Leistungen auf kommunaler Ebene ab? Die Arbeitsleistungen in der Landwirtschaft sind bei den Verhandlungen von vornherein ausgeklammert worden. Werden sie nicht entschädigt? Die meisten der ehemaligen Zwangsarbeiter sind tot. Es wird geschätzt, dass von den zehn Millionen noch 1,5 Millionen leben. Noch. Im Schnitt sind sie gut 80 Jahre. Lösungen drängen, bevor die biologische Lösung das verdrängte Problem wieder dem Vergessen anheim stellt.

Liste der Zwangsarbeitslager im Rheiderland 

1. Boen    50 Personen
2. Landschaftspolder   60 Personen
3. Diele  200 Personen
4. Holthusen  200 Personen 
5. Stapelmoor  250 Personen
6. Weener  280 Personen 
7. Weenermoor 150 Personen
8. Möhlenwarf  120 Personen
9. Tichelwarf    90 Personen

Aus: Heimatgeschichlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945;
Köln 1986
In einem `Zivilarbeitslager´ in Landsburg lebten bei der  Befreiung noch 80 ausländische Zwangsarbeiter und 200 ausländische Zwangs-arbeiterinnen. Diese Lager gehörten vermutlich zur Firma Klatte, ein Bremer Rüstungs- und Flugzeugbaubetrieb. 

Die `Zivilarbeitslager´ in Weenermoor und Stapelmoor hatten eine Belegstärke von 150 bzw. 250 Zwangsarbeitern. 

Die jeweils 200 ausländischen Zwangsarbeiter in den Lagern in Diele und Holthusen mussten Schanzarbeiten verrichten und Schützengräben ausheben. 

In zwei weiteren Zwangsarbeiterlagern in Möhlenwarf  und Tichelwarf waren 120 bzw. 90 ausländische Zwangsarbeiter untergebracht. 

Die Nahrungsmittelfabrik Frisia in Weener serzte Häftlinge aus dem Emslandlager III Brual-Rgede ein.

Auf dem evangelischen Friedhof in Weener liegen ein polnischer und 17 sowjetische Zwangsarbeiter begraben.

Autor: Günter Faupel (Chefredakteur der Rheiderland-Zeitung)
 


 
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