Seit vierzig Jahren fahre ich immer wieder
gern ins `Internationale Haus Sonnenberg´
im Harz in der Nähe von St. Andreasberg.
Diesen Sommer war es wieder einmal so weit.
Ankunft
Beim Einbiegen in das Gelände schon
das Gefühl des Losgelöstsein. Frei von dem alltäglichen
Kleinkram. Aussteigen. Musikklänge schallen aus dem Jugendhaus. Im
Tagungsraum stehen Musikinstrumente, große Trommeln, Gitarren ...
Jugendliche sitzen auf den Stufen der Arena, auf Decken auf dem Rasen ausgestreckt.
Die Luft ist warm und seidenweich. Mehrere Sprachen dringen an mein Ohr:
Internationale Jugendmusikwoche. Eine parallel laufende Veranstaltung.
Anmeldung. Zimmerschlüssel. Taschen abladen. Mich drängt es wieder
hinaus.
Viele Nationalflaggen hängen schlaff
an den Masten. Am Hang sehe ich ein großes Zelt, zwei geschälte,
knorrige Baumstämme liegen auf Stützen. Ein grauhaariger Ire
arbeitet an ihnen mit Hammer und Stechbeitel. Das nächste Kunstwerk
für den Sonnenberg. Weiter zum Rehberger Graben. Die alten Skulpturen
liegen und stehen dort, deren Entstehung ich vor Jahren hier auch erlebt
habe. Hinter dem murmelnden, glucksenden, rauschenden Gebirgsbach das Volleyballfeld.
Dort haben wir als Schüler mit Tschechen kurz vor dem Einmarsch der
Sowjets in Prag in internationaler Besetzung gespielt. Multilingual auch
hier wieder eine Jugendgruppe, die mehr miteinander redet, als den Ball
bewegt - und lacht. Im Dämmer des Waldes Harzruhe. Der modernde Geruch
des Laubs, Kiefernnadeln, Wurzelwerk überall. Bemooste Stämme.
Der Himmel spiegelt sich, vom Blätterwerk gebrochen, tausendfach in
den Wellen, wie sie purzelnd und gleitend, stürzend, beengt und wieder
vorschießend, glasklar die Stufen, Steine und Wehre des Grabens schaumlos
herunterstürzen. Rauche eine Pfeife, bereite mich auf diese Tagung
vor.
Kennen lernen
Wir sitzen nach dem ersten gemeinsamen Abendbrot
im Tagungsraum A. Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Griechenland, Polen,
Italien, Tschechien und Deutschland. Jeder beäugt neugierig den anderen.
Wie mag die Tagung werden? Stichworte des Begrüßungsgesprächs
fallen mir wieder ein: „Interkulturelle Pädagogik, Gleichberechtigungspädagogik,
Integrationspädagogik, Sonderpädagogische Förderung." In
der Bundesrepublik werden 95% der Kinder mit Behinderung ausgesondert.
In Dänemark sagt man: „Wir sprechen in Dänemark nicht mehr von
Integration.
Wir
sagen nicht: `Du bist anders, du darfst hineinkommen.´ Das wollen
wir nicht mehr sagen." Ein Teilnehmer sagt: „Wenn die Kinder alle normal
von Klasse 1 bis Klasse 10 in einer Schule im integrierten Ganztagsbetrieb
unterrichtet würden, könnte `Integration´ mit allen Problemen
leichter und kostengünstiger praktiziert werden." Thema ist also die
Frage, wie unterschiedlich wird die Beschulung aller Kinder in verschiedenen
Ländern Europas gehandhabt? Und ob wir voneinander lernen können.
Geleitet wurde die Tagung von Brigitte Merkens
und Christian Mierke, die Leuchttürme
der Koordination der vielfältigen Eindrücke waren.
Zitat
„Behinderte werden gesellschaftlich ausgegrenzt, es dominiert die Haltung, die allen vom gesunden Menschen als `normal´ ausgeht und jede Abweichung als Makel ansieht - allen anders lautenden Beteuerungen und Sonntagsreden zum Trotz." (`Die Zeit´, 5. 8. 1999)
Auswahl
Es ist natürlich schwierig, eine Zusammenfassung
der Tagung zu geben. Es gab über zehn
Seminarsitzungen und Gruppengespräche.
Wir haben, wie auf dem Sonnenberg üblich, praktisch die ganze Woche
oft bis spät in den Abend zusammen diskutiert, gelacht, gegessen,Spaziergänge
gemacht, Exkursionen in dem
schönen
Harz unternommen und ,wie alle anderen auch, habe ich Unmengen mitgeschrieben.
Weil dieser Tagungsort mit seinem Zauber auch ungemein aufnahmebereit macht,
neugierig auf die Ideen, Erfahrungen der Anderen.
Ich werde jetzt nur einen sehr kleinen Ausschnitt referieren, allerdings
mit einer besonderen Begründung:
Das italienische Beispiel war auf dieser Tagung schon etwas Besonderes.
Nicht nur deshalb, weil diesmal die skandinavischen Länder (leider)
fehlten, sondern weil die Referentin
Silvana
Carinella mit dem Feuer des Engagements uns allen bewusst machte,
mit welcher Selbstverständlichkeit dort etwas umgesetzt wurde, was
anderorts (z.B. in der Bundesrepublik) so ungeheuer schwer gemacht wird.
Italien
„Integration of handicapted children in primary schools"
Das italienische Schulsystem ist folgendermaßen gegliedert:
Alter Schulform Bemerkung gemeinsamer Besuch:
3 - 5 Jahre privater
Kindergarten (freiw.)
6 - 10 Jahre Grundschule (5 Jahre)
Gesamtschule
11 - 13 Jahre Mittel-Schule (3 Jahre) Gesamtschule
14 - 15 Jahre Berufsschule / Uni
Prinzip ist es, alle behinderten Kinder in die allgemein bildende Schule aufzunehmen. Dabei darf pro Klasse nur ein behindertes Kind aufgenommen werden, die Obergrenze für solcheKlassen ist 20 (sonst 25). Im Schulteam gibt es Stützlehrer in allen Schulstufen. Grundsätzlich wurden in Italien alle Türen ausgewechselt, dass Rollstühle überall hinfahren können, alle Toiletten wurden behindertengerecht umgebaut.In der Scuola Elementare gilt das Team-Teaching-Prinzip, 3-4 Lehrer arbeiten mit 2-3 Klassen. Pro Klasse gibt es 28 bis 30 Zeitstunden pro Woche, ab der 3. Klasse wird die erste Fremdsprache unterrichtet.

Die Fächer sind:
Italienisch, Mathematik, Naturwissenschaften,
Sport, Geschichte, Geografie, Politik, Kunst und Musik. Ab der 3. Klasse
werden entweder Englisch, Französisch, Deutsch oder Spanisch angeboten.
Die Priorität liegt bei Englisch. In der 5. Klasse kommt eine 2. Fremdsprache
hinzu. Religion ist freiwillig.
Zum Beispiel gilt das für drei Lehrer,
die in 2 Klassen unterrichten, dass
Lehrerin A für Sprache und z.B. für
Kunst zuständig ist,
Lehrerin B für Mathematik, Naturwissenschaften
und Musik und
Lehrer C für den Bereich Politik-Geschichte-Geografie
und Sport.
In der 3. Klasse käme dann noch
Lehrerin D für die erste Fremdsprache
hinzu.
Die Lehrerinnen und Lehrer haben im Plan insgesamt 6 bis 8 Stunden außerhalb des regulären Stundenplans, diese Stunden werden für Aktivitäten mit gehandikapten Schülern verwandt und für gemeinsame Konferenzen.
Frage war, warum in Italien die Integration so sehr akzeptiert ist. Die Antwort war, dass 1977 mit einem Gesetz das Recht aller Kinder auf Beschulung in der Normalschule festschrieb. Die `normalen´ Sonderschulen wurden geschlossen. Dies war eine Spätfolge der 68er-Bewegung, die sich die Umsetzung der Menschenrechte als gesellschaftliches Ziel gesetzt hatte. 1922 folgte das Gesetz für Förderzentren mit regionaler und örtlicher Struktur. Ziele waren die Freiheit und der Respekt der Behinderten zu sichern mit der vollen Integration in die italienische Gesellschaft.
Dafür wurde überall der Gesundheitsdienst
mit neuen Aufgaben betraut:
1. Funktionaldiagnose (z.B. neuropsychologischer
Dienst für Kinder)
2. In den betroffenen Schulen sitzen spezialisierte
Lehrer für behinderte Kinder.
3. Ein individuelles Unterrichtsprogramm
muss jeweils erarbeitet werden (z.B. in der
`überlappenden´
Stunden).
4. Hilfen bei der notwendig sehr genauen
Unterrichtsplanung.
5. Überwachung der Gesundheit aller
Kinder in der Schule und ein besonderer
Schulärztedienst
für
- lernbehinderte bzw.
- verhaltensgestörte
Kinder.
Dabei wurde die Erfahrung gemacht, dass behinderte Kinder sehr viel weniger Probleme im normalen Schulbetrieb machen als die verhaltensgestörten.
Natürlich gibt es auch Probleme bei der Anerkennung der Behinderten in der italienischen Gesellschaft. Silvana Carinella: „Lass die Leute sie doch anstarren. Früher wurden sie überwacht und eingesperrt. Heute leisten Kinder mit Behinderungen sehr viel mehr als früher und die `normalen´ Kinder haben such einen großen Gewinn davon. Früher lag die Verantwortung für gehandikapte Kinder allein bei der Familie, mit den Spezialeinrichtungen liegt heute die Verantwortung bei der Gesellschaft. Grundziel in Italien ist es, die Kinder lebensfähig zu machen."
Weitere Berichte
Viele sehr kenntnisreiche und umfassende
Darstellungen der Situation in verschiedenen Ländern hörten wir
im Verlauf der Tagung. Kongenial gedolmetscht von Christiane Böttger.
Im Interesse der Lesbarkeit habe ich mich
aber auf den oben stehenden Bericht beschränkt.
Alle Berichte atmeten das Engagement der
Referentinnen und Referenten für den Wahlspruch: „INTEGRIEREN STATT
SEGREGIEREN"
„Die Stigmatisierung fällt weg, wenn eigenständiges und selbstgesteuertes Lernen im Vordergrund steht!"
„Nicht der Behinderte ist das Makel, sondern die Ausgrenzung durch die Gesellschaft!"
Über die Situation in Tschechien hörten
wir Berichte von Jarmila Neumanova und
Dr. Marie Vitkova,
über die in Griechenland von Dafni Meimaridou-Voulgaridou,
über die Niederlande von Christian
Mierke, über eine deutsche Integrationsklasse
in Buxtehude von Britta
Carstens, über eine deutsche Peter-Petersen-Schule aus Brockdorf
von Ursula Große-Holthaus, über
Formen äußerer Hilfe für deutsche integrative Grundschulen
im Raum Wiesmoor von Gerd Garbe und über
Wege, das Integrationsgebot des niedersächsischen Schulgesetzes umzusetzen
von Christa Burbat vom niedersächischenKultusministerium.Die
Dolmetscherin war oft fast im 24 Stunden-Einsatz
Christiane
Böttger.
Der angekündigte Beitrag über das auch sehr weit entwickelte dänische System der Integration fehlte leider, da der Referent nicht kommen konnte.
Ausklang
„Wo das behinderte Kind lebt, da geht es auch zur Schule. Die nötige Hilfe dafür liefert der Staat!" Dieses italienische und skandinavische Prinzip lebt und entwickelt sich ständig weiter. Die Tagung auf dem Sonnenberg hat hierfür viele glaubwürdige und Mut machende Beispiele benannt.
In den USA werden in den Universitäten Vorlesungen auch in Gebärdensprache für Gehörlose gehalten, in der Bundesrepublik Deutschland wird diese Sprache als selbstverständliches Kommunikationsmittel vorenthalten. Allein die Nachrichten im Nachrichtenkanal Phoenix sind da eine löbliche Ausnahme, aber eben nur in einem Spartenkanal.
Theresia Degener ist contergangeschädigt ohne Hände und Arme aufgewachsen. Sie hat in Frankfurt und Berkelay Jura studiert, hat ihre Doktorarbeit mit den Zehen getippt. Sie ist jetzt Professorin an der Fachhochschule in Bochum und muss immer wieder erleben, wie ihr der Zutritt zu Lokalen verweigert wird. In den USA würde ein Gastwirt, der das wagen würde, mit harten Geldstrafen bestraft. (Die Zeit, 5. 8. 1999)
In Hannover wurde ein Rollstuhlfahrer von Skinheads vor einigen Jahren totgeschlagen.
Das rassistische Gedankengut der Faschisten schwirrt offenkundig immer noch in vielen Köpfen, nach dem Bürger mit Behinderungen ausgegrenzt und eingesperrt werden. Wenn wir diesem Denken nicht erfolgreich entgegenwirken, wenn unser Schulsystem nicht endlich allen Bürgern das Recht auf gemeinsame Bildung möglich macht, müssen wir mit der Schande der Ausgrenzung weiterleben.
Diese Tagung war ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Allen, der Tagungsleitung, den Referenten und den Teilnehmern gebührt Dank für diese tolle Woche!

Anhang:
Zur
Leitseite des Internationalen Haus Sonnenberg
Tabellarische
Übersicht 1 (deutsch)
| Staat | Czech. Republik | Germany
Niedersachsen |
Greece | Italy | Poland |
| 1. Anzahl der Jahre
in der Grundschule |
9 | 4 | 6 | 5 | bisher: 8
ab 99/00: 6 |
| 2. Ist die Integration Pflicht? | nein, aber seit 91
möglich |
nein | nein | ja | nein, aber es besteht die Möglichkeit |
| 3. Ist auf Antrag
Integration möglich? |
Elternantrag | ja | ja, auf Antrag | Integration ohne Antrag als gesellschaftliche
Selbstverständlichkeit |
|
| 4. Wer initiiert
integrativen Unterricht? |
Schulwesenminis-
terium |
-Eltern
-Schule -Schulträger in Übereinstimmung |
- Kindergarten
- schulischer Amtsinhaber |
Kindergarten im
Alter von drei Jahren |
Schulministerium |
| 5. Wer beschließt und sorgt für besondere Unterstützungs-
maßnahmen? |
schulpsycholgische,
sonderpädagog., pädagogisch- psychologische Beratungsstelle, Sonderpädagog. Zentrum |
Schulbehörde für das Personal,
Schulträger für die materialle Ausstattung |
Erziehungs-
ministerium |
Entschiden wird
durch die lokale Behörde des Gesundheits- ministriums, die Finanzierung erfolgt über das Erziehungsministerium |
Kindergarten,
schulpsycholog. Zentrum, pädagog.- psycholog. Beratungsstelle |
| 6. Woher kommen
externe Unter- stützungsmaßnahmen? |
Gesundheitsminis-
terium |
Sonderschulen als
Förderzentren mit Sonderschul- lehrern, sonderpäd. und päd. Mitarbeitern, ggf. Schulträger durch Sozialamt für Hilfskräfte |
staatliche Förderung | durch örtliche
Autoritäten (spezialisierte Lehrer) |
Gesundheitsminis-
terium |
| 7. Wer regelt die
Zuweisung der Fördermittel? |
Schulwesens-
ministerium |
Schulbehörde | Erziehungs-
ministerium |
Erziehungs- und
Gesundheits- ministerium |
Erziehungs-
ministerium |
| 8. Wer stellt den
besonderen Bedarf fest? |
Sonderpäd.
Zentren, Schulbehörde, Schulwesens- ministrium |
Förderkommission
(Eltern, Schulleiter der Grundschule, Klassenlehrer, Sonderschullehrer |
Eine spezielle
Zusammenstellung von Ärzten, Beratern und Ärzten |
Die örtliche
Abteilung des nationalen Gesundheitsdienstes |
Sonderpädagog.
Zentrum, Schulbehörde, Erziehungs- ministerium |
| 9. Gibt es besondere
Sonderschulen? |
ja | ja | ja | nein | ja |
| 10. Gibt es besondere Ausbildung für Lehrer? | Pädagogische
Fakultät an der Universität |
ja | ja
(Zusatzstudium) |
ja, sie ist Pflicht für
die spezialisierten Lehrer |
Die Fakultät des
pädagogischen Universität |
Tabellarische
Übersicht 2 (englisch)
| country | Czech. Republik | Germany
Lower Saxony |
Greece | Italy | Poland |
| 1. Primary school
(years) |
9 | 4 | 6
(compulsory) |
5 | until 98/99: 8
since 99/00: 6 |
| 2. Integration
compulsory (yes/no) |
not compulsory but
pissible (since 1991) |
no | no | yes | no, but
possible |
| 3. Integration on
application |
parents | parents | yes,
application |
integration without
application |
parents |
| 4. Who initiates
integrated teaching? |
School Ministry | - parents
-school - local authorities |
school authotity
Kindergarten |
Kindergarten
age 3 |
School Ministry |
| 5. Who decides and provides for
special support? |
- School-
educational psychologists - Educational and psychological counselling centres - Special education centres |
- school authorities
for personnel resources - local authorities for material equipment |
Ministry of Education | decides:
National Health Service (local section) |
Kindergarten/
Educational psychologists centre/ Special education centre/ educational psychological advice centre |
| 6. External support
from where? |
Health Ministry
(Therapy) |
special needs
centres with special teachers, assistants and helpers from social authorities |
State support
centre |
in addition:
local authorities (specialized teachers) |
Ministry of
Health |
| 7. Who regulates the amount of
resources? |
School Ministry | School
authority |
Ministry of
Education |
Ministry of
Education and Ministry of Health |
Ministry of
Education |
| 8. Assessement of
special needs by: |
- special education
centres - local authority - School Ministry |
special needs
commission (parents, head- master of primary schools, class teachers and special teachers) |
Special diagostic
commities (doctors, counsellors of special education, psychologists etc) |
National Health
Service (local section) |
Ministry for
Education / special educational centre / school authority |
| 9. Do special
schools exist? |
yes | yes | yes | no! | yes |
| 10. Training for
special teaching? |
Educational
faculty of the university |
yes | yes
(masters dergee) |
yes (compulsory for specialized
teachers) |
Special
educational centre |