Impressionen von der Sonnenberg-Tagung
Erziehung in Europa - eine Schule für alle Kinder
25. bis 30. Juli 1999 


Seit vierzig Jahren fahre ich immer wieder gern ins `Internationale Haus Sonnenberg´
im Harz in der Nähe von St. Andreasberg. Diesen Sommer war es wieder einmal so weit.

Ankunft

Beim Einbiegen in das Gelände schon das Gefühl des Losgelöstsein. Frei von dem alltäglichen Kleinkram. Aussteigen. Musikklänge schallen aus dem Jugendhaus. Im Tagungsraum stehen Musikinstrumente, große Trommeln, Gitarren ... Jugendliche sitzen auf den Stufen der Arena, auf Decken auf dem Rasen ausgestreckt. Die Luft ist warm und seidenweich. Mehrere Sprachen dringen an mein Ohr: Internationale Jugendmusikwoche. Eine parallel laufende Veranstaltung. Anmeldung. Zimmerschlüssel. Taschen abladen. Mich drängt es wieder hinaus.
Viele Nationalflaggen hängen schlaff an den Masten. Am Hang sehe ich ein großes Zelt, zwei geschälte, knorrige Baumstämme liegen auf Stützen. Ein grauhaariger Ire arbeitet an ihnen mit Hammer und Stechbeitel. Das nächste Kunstwerk für den Sonnenberg. Weiter zum Rehberger Graben. Die alten Skulpturen liegen und stehen dort, deren Entstehung ich vor Jahren hier auch erlebt habe. Hinter dem murmelnden, glucksenden, rauschenden Gebirgsbach das Volleyballfeld. Dort haben wir als Schüler mit Tschechen kurz vor dem Einmarsch der Sowjets in Prag in internationaler Besetzung gespielt. Multilingual auch hier wieder eine Jugendgruppe, die mehr miteinander redet, als den Ball bewegt - und lacht. Im Dämmer des Waldes Harzruhe. Der modernde Geruch des Laubs, Kiefernnadeln, Wurzelwerk überall. Bemooste Stämme. Der Himmel spiegelt sich, vom Blätterwerk gebrochen, tausendfach in den Wellen, wie sie purzelnd und gleitend, stürzend, beengt und wieder vorschießend, glasklar die Stufen, Steine und Wehre des Grabens schaumlos herunterstürzen. Rauche eine Pfeife, bereite mich auf diese Tagung vor.

Kennen lernen

Wir sitzen nach dem ersten gemeinsamen Abendbrot im Tagungsraum A. Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Griechenland, Polen, Italien, Tschechien und Deutschland. Jeder beäugt neugierig den anderen. Wie mag die Tagung werden? Stichworte des Begrüßungsgesprächs fallen mir wieder ein: „Interkulturelle Pädagogik, Gleichberechtigungspädagogik, Integrationspädagogik, Sonderpädagogische Förderung." In der Bundesrepublik werden 95% der Kinder mit Behinderung ausgesondert. In Dänemark sagt man: „Wir sprechen in Dänemark nicht mehr von Integration. Wir sagen nicht: `Du bist anders, du darfst hineinkommen.´ Das wollen wir nicht mehr sagen." Ein Teilnehmer sagt: „Wenn die Kinder alle normal von Klasse 1 bis Klasse 10 in einer Schule im integrierten Ganztagsbetrieb unterrichtet würden, könnte `Integration´ mit allen Problemen leichter und kostengünstiger praktiziert werden." Thema ist also die Frage, wie unterschiedlich wird die Beschulung aller Kinder in verschiedenen Ländern Europas gehandhabt? Und ob wir voneinander lernen können. Geleitet wurde die Tagung von Brigitte Merkens und Christian Mierke, die Leuchttürme der Koordination der vielfältigen Eindrücke waren.

Zitat

„Behinderte werden gesellschaftlich ausgegrenzt, es dominiert die Haltung, die allen vom gesunden Menschen als `normal´ ausgeht und jede Abweichung als Makel ansieht - allen anders lautenden Beteuerungen und Sonntagsreden zum Trotz." (`Die Zeit´, 5. 8. 1999)

Auswahl

Es ist natürlich schwierig, eine Zusammenfassung der Tagung zu geben. Es gab über zehn
Seminarsitzungen und Gruppengespräche. Wir haben, wie auf dem Sonnenberg üblich, praktisch die ganze Woche oft bis spät in den Abend zusammen diskutiert, gelacht, gegessen,Spaziergänge gemacht, Exkursionen in dem schönen Harz unternommen und ,wie alle anderen auch, habe ich Unmengen mitgeschrieben. Weil dieser Tagungsort mit seinem Zauber auch ungemein aufnahmebereit macht, neugierig auf die Ideen, Erfahrungen der Anderen. Ich werde jetzt nur einen sehr kleinen Ausschnitt referieren, allerdings mit einer besonderen Begründung: Das italienische Beispiel war auf dieser Tagung schon etwas Besonderes. Nicht nur deshalb, weil diesmal die skandinavischen Länder (leider) fehlten, sondern weil die Referentin Silvana Carinella mit dem Feuer des Engagements uns allen bewusst machte, mit welcher Selbstverständlichkeit dort etwas umgesetzt wurde, was anderorts (z.B. in der Bundesrepublik) so ungeheuer schwer gemacht wird.

Italien

„Integration of handicapted children in primary schools"

Das italienische Schulsystem ist folgendermaßen gegliedert:

Alter Schulform Bemerkung gemeinsamer Besuch:
  3 -   5 Jahre privater Kindergarten (freiw.)
  6 - 10 Jahre Grundschule (5 Jahre) Gesamtschule
11 - 13 Jahre Mittel-Schule (3 Jahre) Gesamtschule
14 - 15 Jahre Berufsschule / Uni

Prinzip ist es, alle behinderten Kinder in die allgemein bildende Schule aufzunehmen. Dabei darf  pro Klasse nur ein behindertes Kind aufgenommen werden, die Obergrenze für solcheKlassen ist 20 (sonst 25). Im Schulteam gibt es Stützlehrer in allen Schulstufen. Grundsätzlich wurden in Italien alle Türen ausgewechselt, dass Rollstühle überall hinfahren können, alle Toiletten wurden behindertengerecht umgebaut.In der Scuola Elementare gilt das Team-Teaching-Prinzip, 3-4 Lehrer arbeiten mit 2-3 Klassen. Pro Klasse gibt es 28 bis 30 Zeitstunden pro Woche, ab der 3. Klasse wird die erste Fremdsprache unterrichtet.

Die Fächer sind:
Italienisch, Mathematik, Naturwissenschaften, Sport, Geschichte, Geografie, Politik, Kunst und Musik. Ab der 3. Klasse werden entweder Englisch, Französisch, Deutsch oder Spanisch angeboten. Die Priorität liegt bei Englisch. In der 5. Klasse kommt eine 2. Fremdsprache hinzu. Religion ist freiwillig.

Zum Beispiel gilt das für drei Lehrer, die in 2 Klassen unterrichten, dass
Lehrerin A für Sprache und z.B. für Kunst zuständig ist,
Lehrerin B für Mathematik, Naturwissenschaften und Musik und
Lehrer C für den Bereich Politik-Geschichte-Geografie und Sport.
In der 3. Klasse käme dann noch
Lehrerin D für die erste Fremdsprache hinzu.

Die Lehrerinnen und Lehrer haben im Plan insgesamt 6 bis 8 Stunden außerhalb des regulären Stundenplans, diese Stunden werden für Aktivitäten mit gehandikapten Schülern verwandt und für gemeinsame Konferenzen.

Frage war, warum in Italien die Integration so sehr akzeptiert ist. Die Antwort war, dass 1977 mit einem Gesetz das Recht aller Kinder auf Beschulung in der Normalschule festschrieb. Die `normalen´ Sonderschulen wurden geschlossen. Dies war eine Spätfolge der 68er-Bewegung, die sich die Umsetzung der Menschenrechte als gesellschaftliches Ziel gesetzt hatte. 1922 folgte das Gesetz für Förderzentren mit regionaler und örtlicher Struktur. Ziele waren die Freiheit und der Respekt der Behinderten zu sichern mit der vollen Integration in die italienische Gesellschaft.

Dafür wurde überall der Gesundheitsdienst mit neuen Aufgaben betraut:
1. Funktionaldiagnose (z.B. neuropsychologischer Dienst für Kinder)
2. In den betroffenen Schulen sitzen spezialisierte Lehrer für behinderte Kinder.
3. Ein individuelles Unterrichtsprogramm muss jeweils erarbeitet werden (z.B. in der
    `überlappenden´ Stunden).
4. Hilfen bei der notwendig sehr genauen Unterrichtsplanung.
5. Überwachung der Gesundheit aller Kinder in der Schule und ein besonderer
    Schulärztedienst für
    - lernbehinderte bzw.
    - verhaltensgestörte Kinder.

Dabei wurde die Erfahrung gemacht, dass behinderte Kinder sehr viel weniger Probleme im normalen Schulbetrieb machen als die verhaltensgestörten.

Natürlich gibt es auch Probleme bei der Anerkennung der Behinderten in der italienischen Gesellschaft. Silvana Carinella: „Lass die Leute sie doch anstarren. Früher wurden sie überwacht und eingesperrt. Heute leisten Kinder mit Behinderungen sehr viel mehr als früher und die `normalen´ Kinder haben such einen großen Gewinn davon. Früher lag die Verantwortung für gehandikapte Kinder allein bei der Familie, mit den Spezialeinrichtungen liegt heute die Verantwortung bei der Gesellschaft. Grundziel in Italien ist es, die Kinder lebensfähig zu machen."

Weitere Berichte

Viele sehr kenntnisreiche und umfassende Darstellungen der Situation in verschiedenen Ländern hörten wir im Verlauf der Tagung. Kongenial gedolmetscht von Christiane Böttger.
Im Interesse der Lesbarkeit habe ich mich aber auf den oben stehenden Bericht beschränkt.
Alle Berichte atmeten das Engagement der Referentinnen und Referenten für den Wahlspruch: „INTEGRIEREN STATT SEGREGIEREN"

„Die Stigmatisierung fällt weg, wenn eigenständiges und selbstgesteuertes Lernen im Vordergrund steht!"

„Nicht der Behinderte ist das Makel, sondern die Ausgrenzung durch die Gesellschaft!"

Über die Situation in Tschechien hörten wir Berichte von Jarmila Neumanova und
Dr. Marie Vitkova, über die in Griechenland von Dafni Meimaridou-Voulgaridou,
über die Niederlande von Christian Mierke, über eine deutsche Integrationsklasse
in Buxtehude von Britta Carstens, über eine deutsche Peter-Petersen-Schule aus Brockdorf von Ursula Große-Holthaus, über Formen äußerer Hilfe für deutsche integrative Grundschulen im Raum Wiesmoor von Gerd Garbe und über Wege, das Integrationsgebot des niedersächsischen Schulgesetzes umzusetzen von Christa Burbat vom niedersächischenKultusministerium.Die Dolmetscherin war oft fast im 24 Stunden-Einsatz Christiane Böttger.

Der angekündigte Beitrag über das auch sehr weit entwickelte dänische System der Integration fehlte leider, da der Referent nicht kommen konnte.

Ausklang

„Wo das behinderte Kind lebt, da geht es auch zur Schule. Die nötige Hilfe dafür liefert der Staat!" Dieses italienische und skandinavische Prinzip lebt und entwickelt sich ständig weiter. Die Tagung auf dem Sonnenberg hat hierfür viele glaubwürdige und Mut machende Beispiele benannt.

In den USA werden in den Universitäten Vorlesungen auch in Gebärdensprache für Gehörlose gehalten, in der Bundesrepublik Deutschland wird diese Sprache als selbstverständliches Kommunikationsmittel vorenthalten. Allein die Nachrichten im Nachrichtenkanal Phoenix sind da eine löbliche Ausnahme, aber eben nur in einem Spartenkanal.

Theresia Degener ist contergangeschädigt ohne Hände und Arme aufgewachsen. Sie hat in Frankfurt und Berkelay Jura studiert, hat ihre Doktorarbeit mit den Zehen getippt. Sie ist jetzt Professorin an der Fachhochschule in Bochum und muss immer wieder erleben, wie ihr der Zutritt zu Lokalen verweigert wird. In den USA würde ein Gastwirt, der das wagen würde, mit harten Geldstrafen bestraft. (Die Zeit, 5. 8. 1999)

In Hannover wurde ein Rollstuhlfahrer von Skinheads vor einigen Jahren totgeschlagen.

Das rassistische Gedankengut der Faschisten schwirrt offenkundig immer noch in vielen Köpfen, nach dem Bürger mit Behinderungen ausgegrenzt und eingesperrt werden. Wenn wir diesem Denken nicht erfolgreich entgegenwirken, wenn unser Schulsystem nicht endlich allen Bürgern das Recht auf gemeinsame Bildung möglich macht, müssen wir mit der Schande der Ausgrenzung weiterleben.

Diese Tagung war ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Allen, der Tagungsleitung, den Referenten und den Teilnehmern gebührt Dank für diese tolle Woche!

Hasso Rosenthal

Anhang:

Zur Leitseite des Internationalen Haus Sonnenberg
 

Tabellarische Übersicht 1 (deutsch)
 

Staat Czech. Republik Germany 
Niedersachsen
Greece Italy Poland
1. Anzahl der Jahre 
in der Grundschule
9 4 6 5 bisher:      8 
ab 99/00: 6
2. Ist die Integration Pflicht? nein, aber seit 91 
möglich
nein nein ja nein, aber es besteht die Möglichkeit
3. Ist auf Antrag 
Integration möglich?
Elternantrag ja ja, auf Antrag Integration ohne Antrag als gesellschaftliche 
Selbstverständlichkeit
Elternantrag
4. Wer initiiert 
integrativen 
Unterricht?
Schulwesenminis- 
terium
-Eltern 
-Schule 
-Schulträger 
in Übereinstimmung
- Kindergarten 
- schulischer 
  Amtsinhaber
Kindergarten im 
Alter von drei Jahren
Schulministerium
5. Wer beschließt und sorgt für besondere Unterstützungs- 
maßnahmen?
schulpsycholgische, 
sonderpädagog., 
pädagogisch- 
psychologische 
Beratungsstelle, 
Sonderpädagog. 
Zentrum
Schulbehörde für das Personal, 
Schulträger für 
die materialle 
Ausstattung
Erziehungs- 
ministerium
Entschiden wird 
durch die lokale 
Behörde des 
Gesundheits- 
ministriums, 
die Finanzierung 
erfolgt über das 
Erziehungsministerium
Kindergarten, 
schulpsycholog. 
Zentrum, 
pädagog.- 
psycholog. 
Beratungsstelle
6. Woher kommen 
externe Unter- 
stützungsmaßnahmen?
Gesundheitsminis- 
terium
Sonderschulen als 
Förderzentren mit 
Sonderschul- 
lehrern, 
sonderpäd. und 
päd. Mitarbeitern, 
ggf. Schulträger 
durch Sozialamt 
für Hilfskräfte
staatliche Förderung durch örtliche 
Autoritäten 
(spezialisierte 
Lehrer)
Gesundheitsminis- 
terium
7. Wer regelt die 
Zuweisung der 
Fördermittel?
Schulwesens- 
ministerium
Schulbehörde Erziehungs- 
ministerium
Erziehungs- und 
Gesundheits- 
ministerium
Erziehungs- 
ministerium
8. Wer stellt den 
besonderen Bedarf 
fest?
Sonderpäd. 
Zentren, 
Schulbehörde, 
Schulwesens- 
ministrium
Förderkommission 
(Eltern, Schulleiter 
der Grundschule, 
Klassenlehrer, 
Sonderschullehrer
Eine spezielle 
Zusammenstellung 
von Ärzten, 
Beratern und 
Ärzten
Die örtliche 
Abteilung des 
nationalen 
Gesundheitsdienstes
Sonderpädagog. 
Zentrum, 
Schulbehörde, 
Erziehungs- 
ministerium
9. Gibt es besondere 
Sonderschulen?
ja ja ja nein ja
10. Gibt es besondere Ausbildung für Lehrer? Pädagogische 
Fakultät an der 
Universität
ja ja 
(Zusatzstudium)
ja, sie ist Pflicht für 
die spezialisierten 
Lehrer
Die Fakultät des 
pädagogischen 
Universität

Tabellarische Übersicht 2 (englisch)
 

country Czech. Republik Germany 
Lower Saxony
Greece Italy Poland
1. Primary school 
    (years)
9 4
(compulsory)
5 until 98/99:   8 
since 99/00: 6
2. Integration 
   compulsory 
    (yes/no)
not compulsory but 
pissible (since 1991)
no no yes no, but 
possible
3. Integration on 
    application
parents parents yes, 
application
integration without 
application
parents
4. Who initiates 
integrated teaching?
School Ministry - parents 
-school 
- local 
  authorities
school authotity 
Kindergarten
Kindergarten 
age 3
School Ministry
5. Who decides and provides for 
special support?
- School- 
  educational 
  psychologists 
- Educational and 
  psychological 
  counselling 
  centres 
- Special 
  education centres
- school authorities 
  for personnel 
  resources 
- local 
  authorities for 
  material 
  equipment
Ministry of Education decides: 
National Health 
Service 
(local section)
Kindergarten/ 
Educational 
psychologists 
centre/ Special
education centre/ 
educational 
psychological 
advice centre
6. External support 
from where?
Health Ministry 
(Therapy)
special needs 
centres with 
special teachers, 
assistants and 
helpers from 
social 
authorities
State support 
centre
in addition: 
local authorities 
(specialized 
teachers)
Ministry of 
Health
7. Who regulates the amount of 
resources?
School Ministry School 
authority
Ministry of 
Education
Ministry of 
Education and 
Ministry of 
Health 
Ministry of 
Education
8. Assessement of 
special needs by:
- special education 
  centres 
- local 
  authority 
- School 
  Ministry
special needs 
commission 
(parents, head- 
master of primary 
schools, class 
teachers and 
special teachers)
Special diagostic 
commities 
(doctors, counsellors of 
special education, 
psychologists etc)
National Health 
Service 
(local section)
Ministry for 
Education / 
special educational 
centre / 
school authority
9. Do special 
schools exist?
yes yes yes no! yes
10. Training for 
special teaching?
Educational 
faculty of the 
university
yes yes 
(masters dergee)
yes (compulsory for specialized 
teachers)
Special 
educational 
centre

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