Störungsvermindernde und lernfördernde Klassenführung

Vorbemerkung:
Die folgenden Techniken der Unterrichtsführung haben sich im Vergleich zwischen erfolgreichen und erfolglosen Lehrern als besonders wirksam erwiesen. Wenn Sie den folgenden Abschnitt durcharbeiten, werden Sie häufig den Eindruck gewinnen, durch solche Forderungen eher be- als entlastet zu werden. Diese Techniken sind nicht einfach anwendbar, weil es oft sehr lange dauert, den eigenen Unterrichtsstil so umzugestalten, dass er mit den Anforderungen einer effektiven Klassenführung übereinstimmt. (Kounin 1976; S. 149)
Klassenführung als Aufgabe verlangt die Anwendung einer komplizierten `Technologie´,
um:
- fortlaufend Lernen ohne Überdruss zu gewährleisten
- Lernfortschritte zu ermöglichen
- intellektuelle Herausforderungen und abwechslungsreiches Lernen anzuregen
- einen reibungslosen, schwungvollen Unterrichtsablauf zu sichern
- gleichzeitig ablaufende Vorgänge zu kontrollieren
- die versteckten Zusammenhänge zwischen verschiedenen Ereignissen zu erfassen 
- pädagogische Handlungen richtig zu adressieren

1.) Sich selbst vervielfältigen können („dabei sein“)

Im Klassenzimmer laufen zur gleichen Zeit so viele Vorgänge ab, dass ein Lehrer `mehrere Augen´ („Augen im Hinterkopf“) braucht, um alles Wichtige zu registrieren und gleichzeitig darauf reagieren zu können. Beherrscht ein Lehrer diese Technik des Allgegenwärtigseins und des Vieles-zur-gleichen-Zeit-tun-Könnens nicht, so kommt es zu Fehlern in der Klassenführung, die häufig mit Störungen des Unterrichts verbunden sind. Kounin unterscheidet drei Arten solcher Fehler, die im Folgenden in Form von Beispielen verdeutlicht werden; sie beruhen auf der Beobachtung, die Kounin mit Hilfe aufwendiger Videoaufnahmen im Klassenzimmer machen konnte:

1.1. Identifikationsfehler:
Der Lehrer führt mit einer Lesegruppe Lautübungen durch. Jonny, der zu diesem Zeitpunkt der Stillarbeitsgruppe angehört, dreht sich um und flüstert Jimmy etwas zu. Der Lehrer blickt auf und sagt: „Jonny, lass die Unterhaltung und beschäftige dich mit deinen Additionsaufgaben!“ In der Klasse verstärkt sich zu diesem Zeitpunkt die Unruhe; der Lehrer hatte übersehen, dass sich in einem Teil des Klassenzimmers zwei Jungen Papierflieger zuwarfen. Getadelt wurde also vom Lehrer eine kleine Störung, eine wesentlich größere aber übersehen und nicht beachtet.

1.2. Zeitfehler:
Im Rechenunterricht arbeiten die Kinder der Reihe nach an der Tafel. Lucy und John, die mit Jeanette zusammen an einem Tisch sitzen, beginnen miteinander zu flüstern. Robert schaut sie an und beteiligt sich ebenfalls an der Unterhaltung. Dann kichert Jeanette und sagt etwas zu John. Daraufhin beugt Mary sich vor und flüstert Jeanette etwas zu. An dieser Stelle sagt die Lehrerin: „Mary und Jeanette lasst das!“ Nach der Beobachtung von Kounin reagiert die Lehrerin also verspätet; nämlich erst zu einem Zeitpunkt, als sich die Störung bereits ausgebreitet hat und durch eine einfache Ermahnung nicht mehr unter Kontrolle zu bringen ist.

1.3. Unterbrechungsfehler:
Der Lehrer ist mit der Lesegruppe beschäftigt. Betty liest laut vor. George und Lee, beide von der Stillarbeitsgruppe, rangeln miteinander. Der Lehrer schaut zu ihnen hinüber, steht auf, legt das Lesebuch auf seinen Stuhl, geht auf die beiden zu und sagt ärgerlich: „Schluss mit dem Unfug, aber auf der Stelle! Lee, du bist noch nicht fertig mit deinen Aufgaben. Mache sie jetzt sofort, aber richtig! George, du genau so!“ Darauf geht er zur Lesegruppe zurück, nimmt sein Buch wieder auf, setzt sich auf den Stuhl und sagt ruhig: “So, Betty, nun wollen wir unsere Geschichte weiterlesen.“ Der Lehrer unterbricht also eine Tätigkeit (seine eigene und die von Kindern), um eine andere Tätigkeit (Ermahnen) auszuführen. Dass es auch anders geht, zeigt eine weitere Beobachtung: Der Lehrer beschäftigt sich ebenfalls mit der Lesegruppe, und Mary liest vor. Währenddessen unterhalten sich im Stillarbeitsbereich John und Richard vernehmlich. Der Lehrer schaut zu ihnen und sagt: „Mary, lies weiter, ich höre dir zu.“ und fast gleichzeitig: „John und Richard, ich höre euch reden, dreht euch jetzt um und macht eure Arbeit!“ 

2.) Für einen reibungslosen und schwungvollen Unterricht sorgen („Zügigkeit“)

Schüler sind in der Regel nur am Unterricht interessiert, wenn eine gewisse Zielstrebigkeit im Unterrichtsverlauf erkennbar ist und keine unnützen Verlangsamungen, Verzögerungen oder Leerlauf auftreten. Wiederum beschreibt Kounin eine Reihe möglicher Fehler des Lehrers, die zur Entmotivierung der Schüler und zu Unterrichstsstörungen führen können.

2.1. Sich ablenken lassen
Eine Lehrerin gibt gerade Erklärungen zu Aufgaben, die die Schüler schriftlich bearbeiten. Während ihrer Ausführungen geht sie langsam durch die Bankreihen und kontrolliert die Arbeiten der Kinder. Durch Zufall fällt ihr Blick auf den Fußboden, worauf sie unvermittelt sagt: „Was macht das Papier da auf dem Fußboden? Wer hat das dort hingeworfen? Jimmy, heb´ es bitte auf!“ Anschließend unterzieht sie den gesamten Fußboden einer Inspektion und fährt danach mit den Erklärungen der Stillarbeit fort.

2.2. Sprunghaftigkeit
Ein Lehrer arbeitet im Leseunterricht mit einer Gruppe. Zur Vorbereitung auf eine Geschichte über das Einkaufen berichten die Kinder der Reihe nach von ihren Erfahrungen. Der Lehrer lehnt sich nach vorn und schaut Mary an, die gerade von einem Besuch im Supermarkt erzählt. Als Mary geendet hat, melden sich drei abdere Kinder, die auch etwas erzählen wollen. Doch der Lehrer dreht sich plötzlich zur Tafel um, ohne nach den übrigen Kindern zu schauen oder zu Mary etwas zu sagen. Er meint vielmehr: „Schaut zur Tafel, da stehen einige neue Wörter, die in unserer Geschichte vorkommen werden. Jimmy, lies bitte das erste vor!“ 
Ähnlich ist es mit dem so genannten „Flip-Flop-Verhalten“: Der Lehrer ist mit einem Thema beschäftigt, unterbricht es plötzlich ( er lässt es gewissermaßen „in der Luft hängen“), um zu einer anderen Thematik zu wechseln, und kehrt nach einiger Zeit ebenso unvermittelt zu der alten Fragestellung zurück.

2.3. Überproblematisieren
Zu Beginn der Rechenübung sagt der Lehrer: „Ich sehe, dass einige Kinder sehr nachlässig sitzen. John, Mary, ich kann einfach nicht begreifen, wie man in der Lage sein soll, ordentlich mitzudenken, wenn man herumhängt, als sei man faul oder gerade am Einschlafen. Setzt euch aufrecht jetzt hin, und zwar jeder von euch! Richtig gerade, damit man sehen kann, dass ihr hellwach seid und eure Denkermützen aufhabt. Mir gefällt, wie Susan dasitzt und Harold...“ Solche Überproblematisierung durch Lehrer können sich auf das Benehmen er Schüler („Herumnörgeln“), auf die Verfügbarkeit der Arbeitsmittel („Schon wieder hast du keine gespitzten Bleistifte!“) und auf Arbeitsaneisungen beziehen. 
Natürlich soll der Lehrer auf das richtige Sitzen, die benutzbaren Arbeitsmittel oder das Befolgen von Anweisungen achten. Aber es muss kurz, effektiv und angemessen sein. Im Alltag erfährt man aus Berichten von Schülern häufig, wie sie unter solchen „langatmigen“ Vorträgen der Lehrer leiden.

2.4. Zersplitterung
Dabei wird eine Handlungseinheit in viele kleine, oft sinnarme Teile zerlegt, z.B.: Der Lehrer will von der Rechtschreibung zum Rechnen wechseln: „Soviel für heute im Rechtschreiben! Jetzt schließt bitte eure Rechtschreibbücher, legt eure Roststifte weg. Und nun macht die Bücher zu. Verstaut sie unter der Bank. Räumt sie aus dem Weg!“ Er wartet. „So, nehmt jetzt eure Rechenbücher raus, legt sie vor euch auf die Bank. So ist es recht. Wir wollen jetzt gar nichts anderes als die Rechenbücher vor uns liegen haben. Wir wollen uns ganz gerade hinsetzen. Sehr schön! Nun nehmt einen schwarzen Stift in die Hand und schlagt Seite 16 auf!“

3.) Sich auf eine Gruppe als Ganzes konzentrieren, auch wenn man sich mit einzelnen Schülern beschäftigt („Gruppenaktivierung“; „Überprüfung“)

Kounin beobachtete, dass sich viele Lehrer lange Zeit nur mit einzelnen Schülern beschäftigen und dabei die Gruppe als Ganzes völlig aus den Augen verlieren. Oft arbeitet der Lehrer mit einem Kind, ohne vorher festzulegen, was die anderen tun sollen, und ohne deren Tätigkeit zumindest aus den „Augenwinkeln“ zu verfolgen. Um solche Probleme zu vermeiden, empfiehlt Kounin drei Strategien, die eng miteinander verbunden sind.

3.1. Beschäftigungsradius
Der Beschäftigungsradius sollte möglichst groß sein, d.h. es sollten so viele Schüler wie möglich, die nicht gerade aufgerufen sind, aktiv am Unterricht beteiligt sein. Zum Beispiel: Ein Schüler liest laut vor, die anderen Kinder haben den Auftrag, still mitzulesen, und ihnen wird zugleich die Aufgabe gestellt, die Geschichte dabei in Hinblick auf eine besondere Fragestellung zu analysieren. Gleichzeitig gilt es, dafür zu sorgen, dass eine ausreichende Mobilisierung der Gruppe gelingt, d.h. dass die Schüler, die gerade nicht aufgerufen oder unmittelbar am Unterricht beteiligt sind, tatsächlich aufmerksam arbeiten. Dazu verhilft die Anwendung des Verantwortlichkeitsprinzips, d.h. die den Schülern vermittelte Überzeugung, dass sich der Lehrer in irgendeiner Weise über die Ergebnisse ihrer Stillarbeit informieren wird. Als besonders ungünstig und arbeitsbeeinträchtigend erwies sich bei der Untersuchung Kounins, dass die Schüler bei der Stillarbeit begründete Vermutungen hatten, wessen Leistungen jeweils überprüft werden. Zum Beispiel: Ein Lehrer arbeitet mit einer Lesegruppe; die Kinder müssen zu vorgegebenen Wörtern ein Reimwort finden; er ruft die Kinder der Reihe nach auf, so dass jedes Kind weiß, wann es drankommt; entsprechend unruhig werden zwischenzeitlich die anderen.

4.) Sorge tragen für intellektuelle Herausforderungen und für abwechselungsreiches Lernen

Kounin bestätigte durch seine Untersuchungen, was jeder erfahrene Lehrer weiß: Wenn die gleiche Arbeit zu lange währt, zu eintönig ist, zu uninteressant wird, beginnen Schüler oft spontan nach Variationen der jeweiligen Tätigkeit zu suchen; die Arbeitsqualität wird schlechter, die Fehlerzahl steigt, längere Pausen werden eingelegt, andere Aktivitäten aufgenommen; es kommt zu Störungen. Was kann dagegen getan werden? Kounin empfiehlt folgende Strategie:

4.1. Attraktivität des Lernziels
Die Attraktivität des Lernziels, des Lerninhalts und des Lernvorgangs steigern: Es geht also darum, bei den Schülern mehr Begeisterung, Arbeitsbereitschaft und Neugierde für den Unterricht zu wecken. Als geeignetes Mittel dafür erwiesen sich die Freunde und die Begeisterung, die der Lehrer selbst zeigte, die Ankündigung der besonderen Attraktivität einer Lernaufgabe. „Jetzt wird es aber sehr schwierig, und ihr werdet euch anstrengen müssen, um es gut zu verstehen“ oder „Jetzt kommt etwas Lustiges, was euch bestimmt Spaß machen wird.“, wobei diese Lehreraussagen nicht als Trick eingesetzt werden dürfen.

 4.2. Abwechslung im Unterricht
Für Abwechslung sorgen: Dabei kommt es nach den vorliegenden Ergebnissen weniger darauf an, zwischen relativ monotonen Übungsaufgaben Pausen einzulegen, sondern eher darauf, die Lernaktivität abwechlungsreich zu gestalten. Das gilt besonders für die Stillarbeit.

4.3. Lernfortschritte zeigen
Schülern das Erlebnis vermitteln, dass sie Lernfortschritte machen: Die damit gemachte Erfahrung, etwas Neues zu lernen, vorwärts zu kommen, sich einem Ziel anzunähern und die eigene Tüchtigkeit zu erleben, wirkt oft besonders lernmotivierend. Voraussetzung ist dafür natürlich, dass die Leistungsanforderungen den Lernfähigkeiten entsprechen, d.h. dass innerhalb der Klasse zumindest bei der Stillarbeit differenziert wird. Die unter diesem Punkt aufgeworfenen Fragen der Lernmotivierung werden hier nur kurz gestreift.

Insgesamt gesehen, haben sich die von Kounin ermittelten Merkmale eines effektiven Klassenmanagements gut bewährt. Auch Untersuchungen in der Bundesrepublik Deutschland ergaben bedeutsame Zusammenhänge zwischen guter Klassenführung durch den Lehrer auf der einen Seite und gesteigerter Mitarbeit sowie reduzierter Störungswahrscheinlichkeit bei Schülern auf der anderen Seite.

Quelle:
Deutsches Institut für Fernstudien; Fernstudium Erziehungswissenschaft;
Fernsehkolleg Lehrerprobleme - Schülerprobleme;
6 A. Schwierige Lehrsteuerung: Formen direkter Unterweisung
Tübingen 1982

Zuammenfassung: Hasso Rosenthal