Rollenspiel zur Situation der beginnenden Judenverfolgung


Der geschichtlich lange in Deutschland vorangetriebene Antisemitismus (Vorurteile gegen jüdische Bürger) erleichterte es den Nazis in der Zeit des Faschismus von 1933 bis 1945 Menschen jüdischen Glaubens zu verfolgen, abseits zu stellen, sie zu ermorden. Von einer möglichen Situation handelt dieses Rollenspiel. Es soll zur vertiefenden Auseinandersetzung über die Judenfrage in der Nazizeit verhelfen, soll eine eigene Meinungsbildung ermöglichen und den Blick schärfen für die Tragweite jener geschichtlichen Ereignisse.

Situation 1:
Am 1. April 1933 gehen Herr und Frau Bernstein in ihr Lebensmittelgeschäft. Sie haben es vor 23 Jahren von Herrn Bernsteins Eltern übernommen. Bei ihnen kauft ein weitgehend fester Kundenstamm. Der Laden ist nicht groß, und mit der noch nicht überwundenen Wirtschaftskrise hat das Ehepaar Bernstein wie viele andere deutsche Bürger erhebliche Schwierigkeiten, sich wirtschaftlich über  die Zeit zu retten. Mit dem Sieg der Nazis verbanden sie zuerst Hoffnungen auf wirtschaftlichen Aufschwung und Sicherheit. 
An diesem Tag aber stehen sie unter dem Eindruck der antisemitischen Hetzkampagne, die mit äußerster Heftigkeit über Presse und Rundfunk geführt wird. Als sie sich ihrem Laden nähern, sehen sie das Schaufenster mit der Parole beschmiert: „Die Juden sind unser Unglück!“ Neben der Tür stehen zwei SA-Leute, die ein Plakat, wie es an vielen Stellen der Stadt zu sehen ist, mit sich tragen. Das Ehepaar Bernstein grüßt die SA-Leute, denn sie gehörten bis vor kurzem zu ihren Stammkunden und wohnen in der Nachbarschaft. Oft hatten sie am Monatsende anschreiben lassen, wenn die `Stütze´ nicht mehr reichte. Herr und Frau Bernstein betreten schnell ihr Geschäft und verschließen hinter sich die Tür. Sie hatten mit Schwierigkeiten gerechnet, aber so etwas hatten sie sich nicht vorgestellt. Herr Bernstein sagt erregt: „Das hätte ich von Herrn Schulze und Herrn Lehmann nicht erwartet! Was meinst du? Was sollen wir tun? Sollen wir aufmachen?“

Situation 2:
Herr Schulze war lange Zeit arbeitslos. Vergeblich hatte er sich um Arbeit bemüht. Sein Freund, Herr Lehmann, nahm ihn vor einigen Wochen zu einem SA-Abend mit. Er fand dort Verständnis und Aufgaben, er erhielt sogar ein kleines Taschengeld. Nachdem er SA-Mitglied geworden war, fand er relativ schnell wieder Arbeit als Schlosser. Er fühlte sich den Nazis verbunden, aber versteht sich nicht als radikaler Nationalsozialist. Herr Lehmann ist schon lange in der NSDAP. Er sieht den Punkt „Kampf gegen das Judentum“ im Parteiprogramm als wesentlich an. Seiner Frau, die häufig Kundin bei den netten Bernsteins war, hat er verboten, dort weiter einzukaufen. Beide, Schulze und Lehmann, haben sich in dem Aktionskomitee „Judenboykott“ auf diesen Einsatz vorbereitet. Seit heute morgen, 9.30 Uhr, stehen sie vor dem Geschäft der Bernsteins Wache. Sie haben zuerst Parolen auf die Schaufensterscheibe gemalt und haben dann Flugblätter an die Passanten verteilt. Als Bernsteins an ihnen vorbei – sie grüßend – in das Geschäft gehen, ist es Schulze peinlich, gerade hier zu stehen – er grüßt zurück. Lehmann findet es unangenehm, von Juden gegrüßt zu werden. Er ignoriert den Gruß und wendet sich an seinen Freund: „Juden kannst du doch nicht grüßen. Was glaubst du eigentlich, warum wir hier stehen?

Situation 3: 
An der Litfasssäule nahe Bernsteins Geschäft hat sich eine kleine Menschenansammlung gebildet. Sie lesen den Boykottaufruf, es werden verschiedene Meinungen laut. Hier treffen sich auch Frau Boysen, Frau Müller und Frau Onken, die langjährige Stammkundinnen bei Bernsteins sind. Sie müssen noch Besorgungen machen. Frau Onken wendet sich zum Gehen, um bei Bernsteins zu kaufen. Frau Boysen sagt: „Gut so, wir dürfen uns von den Nazis nicht verbieten lassen, wo wir einkaufen sollen. Ich komme mit.“ Frau Müller hält sich zurück: „Haben sie nicht gehört, was da los ist? Da können wir nicht mehr hingehen! Sonst passiert ihnen noch selbst etwas!“ 

Aufgabe: Spielt die Situation vor und in dem Geschäft der Bernsteins
 

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