Was Sokrates über die bildungsunwillige Jugend, was Unternehmer in den 50er und 60er Jahren über Bildungsdefizite sagen, ähnelt sehr den Klagen der Unternehmer der 90er Jahre

Sie ist ja nichts Neues. Die Leistungsschelte am Bildungswesen. Schon vor 2430 Jahren beklagte Sokrates, daß es der damaligen Jugend an Benehmen und Bildung fehle.

In unserer Zeit wird in schöner Regelmäßigkeit diese Kritik alle 10 Jahre laut. In den 50er Jahren beklagten Industrieverbände das Absinken der Leistungen bei den Schülerinnen und Schülern. In der Folge führte diese Diskussion in den 60er Jahren zur Verlängerung der Schulpflicht an Volks- bzw. Hauptschulen.

1968 führte die Leistungsschelte zu einer umfassenden Repräsentativbefragung in der Bundesrepublik. Dabei wurden Führungskräfte der Wirtschaft nach Mängeln in den Grundfertigkeiten und im Grundwissen der Schulabgänger befragt. Durchgeführt wurde diese Untersuchung in  allen Bundesländern. Es beteiligten sich 443 Betriebe aus Industrie, Handwerk und Handel. Interessant ist das Ergebnis. Es wurden vor fast 30 Jahre ähnliche Mängel beklagt wie heute:

Mängel wurden benannt
* in den Grundrechenarten      ( 84 %) der befragten Unternehmer,
* bei den Schreibfähigkeiten  ( 81 %),
* in der Ausdrucksfähigkeit    ( 80 %),
* bei der Zeichenfähigkeit      ( 62 %).

Präzisiert wurden als besondere Mängelbereich 1968
- das kaufmännische Rechnen (Prozent-, Zins- und Dreisatzrechnung)
- die Grundrechenarten (mit Bruch- und Dezimalrechnung) genannt.
Beispielhaft sei noch genannt, daß damals wie heute große Mängel bei der Rechtschreibung und in der Interpunktion beschrieben wurden.
(Quelle: Arlt, Beelitz; "Führungskräfte der Wirtschaft zur Hauptschule"; Schroedel-Verlag; Hannover 1970)

Nun soll hiermit nicht die Kritik an den allgemeinbildenden Schulen lächerlich gemacht werden. Gut begründete Warnungen an das Dienstleistungsunternehmen Schule müssen immer ernst genommen werden. Wir müssen immer wieder hinterfragen, ob der Lernstoff, der vermittelt wird, den Grundqualifikationen für das Privat- und Berufsleben junger Erwachsener genügt.

Nur sitzen die Kammern auf Länderebene mit in den Entscheidungsgremien, die immer mehr überfrachteten Richtlinien verabschieden. Und eines ist gewiß: Unsere Schülerinnen und Schüler in den Schulen haben in ihrer Schulzeit viel mehr zu lernen als z.B. in den 50er oder 60er Jahren.

Blicken wir 200 Jahre zurück. Als Goethe zur Schule ging. Er konnte nach seiner Schulzeit viel weniger als jeder Hauptschüler heute. Bei den Grundqualifikationen. Was besagt das? Das öffentliche Schulwesen ist nicht zu ersetzen. Es hat sich in den letzten 50 Jahren immer wieder neu den veränderten Rahmenbedingungen angepaßt, kann allerdings nur begrenzt Erziehungsmängel einer entsolidarisierenden, vereinzelnden Mediengesellschaft entgegenwirken. Hier muß diskutiert, hier muß ein Konsens gefunden werden. Der die optimale Bildung für alle Schülerinnen und Schüler bietet.

Das Klagelied gibt es in jeder Schülergeneration. Anderseits haben die Schulabgänger im Berufsleben trotz der beklagten Mängel ihre Berufsausbildung zum weitaus größten Teil immer wieder gut geschafft. Sie haben als Erwachsene geholfen, die Automatisierung der 50er und 60er, die neuen Technologien in den 70er und 80er Jahren in unserer Industriegesellschaft gut umzusetzen. In den Schlüsselbereichen der deutschen Wirtschaft arbeiten viele im Hochtechnologiebereich und helfen, die Bundesrepublik zum  Exportweltmeister zu machen.

Also kann man mit Fug und Recht sagen: Die allgemein- und berufsbildenden Schulen leisten gute Arbeit.  Nicht ohne Grund hat ein USA-Unternehmen des Informatikbereichs große Anzeigen in führenden Zeitungen geschaltet, in denen die deutschen Schulabgänger 1995 sehr gelobt wurden. Auch in diesem Jahr, in dem mit den Vergleichsstudien die Leistungsfähigkeit des deutschen Schulsystems in Frage gestellt wird, zeigt der internationale Vergleich, daß es nicht am Schulsystem liegt, wie leistungsfähig und allgemeinbildend es ist. Die Gesamtschulen Schwedens sind z.B. zu sehr guten Ergebnissen gekommen. Eine demokratische Gesellschaft fordert zwingend,  daß die Kinder in gemeinsamen Schulen miteinander umgehen lernen und nicht schon im Schulalter in einzelne Schubladen gepackt werden. Auch muß über die Parteigrenzen hinweg ein Weg gefunden werden, der die flächendeckende Bildungsqualität regional sichern hilft. Das dreigliedrige Schulwesen hat ausgedient. Ein
zweigliedriges würde die Probleme nicht lösen.

Aus dem Leistungsproblem und den Schwierigkeiten mit den Anforderungen in der Berufsausbildung die Konsequenz zu ziehen, die Zahl der Ausbildungsplätze zu verringern, ist der falsche Weg. Wir brauchen qualifizierte, in ausreichender Zahl vorgehaltene Ausbildungsplätze. Die Zukunft unserer Regionen hängt auch davon ab, ob in Handwerk, Handel und Industrie mit dem  Ausbildungswillen auch die Option für eine lebensfähige Wirtschaft offen gehalten wird.

1991 hat die IHK eine Broschüre herausgegeben, in der sie hohe Qualität der Berufsausbildung im Kammerbereich lobt. Dem ist nichts hinzuzufügen. Oder doch: Wir müssen ins Gespräch kommen. Über den Anspruch der Wirtschaft an die Berufsausbildenden, über den immer wiederkehrenden Anpassungsdruck, dem sich auch die Betriebe immer wieder neu gegenüber den Schulabgängern stellen müssen. In unser aller Interesse.

Und es ist in niemandes Interesse, das Qualifikationsniveau der Schüler an sich in Frage zustellen. Es hat immer Schüler gegeben, die große Schwierigkeiten in der Rechtschreibung haben. Die dafür z.B. im naturwissenschaftlich-handwerklichen Bereich Hervorragendes leisten können. Es hat immer Meister gegeben, die sich engagiert und mit dem Herz auf dem rechten Fleck bemüht haben, bestimmte Mängel während der Berufsausbildung auszugleichen. Warum soll es die jetzt plötzlich nicht mehr geben? Warum tut man jetzt so, als wären früher Schüler perfekt aus den Schulen herausgekommen? Scheut man die
Anpassungsleistung jetzt, für die das Duale System bisher einen so hervorragenden Ruf erhalten hat?

Es muß dem Zynismus entgegengewirkt werden, mit dem Bundeskanzler Kohl (10 % der Jugendlichen seien nicht ausbildungsfähig) oder der niedersächsische Innenminister Glogowski den Ausbildungsstand der Jugendlichen schlecht machen. Er fällt seinen zukünftigen `Landeskindern´ in den Rücken, tutet in das Horn der Betriebe und Unternehmensverbände, die seit Jahr und Tag Lehrstellen abbauen mit dem schlechten Argument, die Schulabgänger würden immer weniger leisten. Falsch!. Sie lernen mit überfrachteten Lehrplänen mehr als jemals zuvor. Schaffen die Anpassungsleistung an die multimediale Computerarbeitswelt in einem Tempo, für das die Generation des Innenministers vermutlich in dessen Schulzeit auf die Barrikaden gegangen wären. Und das bei einer Bildungspolitik, in der zwar neue Rahmenrichtlinien den Schein der Innovation tragen, die aber in sich weder aufeinander aufbauend, noch wirklich den Anforderungen der NT-Gesellschaft Rechnungen tragen. Diese Anpassungsleistung erbringen die Lehrerinnen und Lehrer in den Schulen.

Besonders verfehlt ist die Sprachregelung, mit der gegenwärtig die Ausbildungsplatzmisere dadurch kommentiert wird. Es sei nur ausbildungsfähig, wer einen Ausbildungsplatz habe. Also sei der nicht ausbildungsfähig, der keinen Ausbildungsplatz habe. Das ist natürlich Unsinn. Jeder Schüler, der das allgemeinbildende Schulwesen verläßt, ist auch ausbildungsfähig und ausbildungswillig. Es fehlen nur die entsprechenden Lehrstellen. Gut ist, daß viele Betriebe ausbilden und auch mehr Ausbildungsplätze anbieten. Schlecht ist, daß sich anderseits viele Betriebe ihrer Ausbildungspflicht entziehen.

Sokrates hat sich vor 2430 Jahren (seufzend) auch den schwächeren seiner Schüler gewidmet. In den 50er und 60er Jahren war es (trotz der Klagelieder) selbstverständlich, Ausbildung anzubieten. Es gibt keinen Grund, dies nicht auch heute von den Betrieben einzufordern.

Hasso Rosenthal

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