„Die Rasse schaut so drein, wie das Geschäft sie braucht" (Ernst Bloch)
Anmerkungen zur Geschichte des Antisemitismus

Nach dem Krieg mit Rom (66 bis 70) führte eine beträchtliche Verarmung Palästinas zu einer Auswanderungswelle der Juden, so dass die jüdische Bevölkerung Palästinas praktisch aufhörte zu existieren. Da die Auswanderer als Landwirte nicht in den Gastländern arbeiten konnten, siedelten sie sich in den Städten
an, verloren aber als Glaubensgemeinschaft nicht den Bezug zu dem heimischen, palästinensischen Boden. Trotzdem fand man bis ins  11. Jahrhundert hinein jüdische Ackerbauern in den Gastländern. Allerdings verloren sie mit der Einführung des kanonischen Rechts durch die christlichen Kaiser die politische und wirtschaftliche Gleichheit und wurden als minderwertige Wesen behandelt. Den Juden wurde der Tod Christi als ewige Schuld des ganzen Volkes angelastet - „Ahasver". 

Wissen muss man, dass durch Mitteleuropa bis ins 5. Jahrhundert viele Völker gewandert sind und sich auch dort teilweise niedergelassen haben. Durch Klimawechsel, Bevölkerungszunahme und die damit verbundene Landnot verließen sie ihre angestammten Gebiete, zum Teil auch vertrieben durch den Vorstoß der Hunnen. Auf jeden Fall siedelten sich Goten, Wandalen, Burgunder, Alamannen, Langobarden, Sweben, Angeln und andere Stämme um. Von einer reinen germanischen Rasse zu sprechen ist deshalb einer der Treppenwitze der Weltgeschichte. Nur die Nachkommen dieser Stämme wurden nie von der Kirche geächtet.

Durch die gesetzlichen Beschränkungen blieb den Juden als Lebensgrundlage nur der Handel, die Steuererhebung und das Banken (Geldverleih und Zinsen zu berechnen war Christen verboten). Allerdings gab es später auch christliche Geldverleiher (Langobarden u.a.), die die Schuldner mindestens ebenso ausbeuteten. Sie lenkten aber geschickt ihre Verantwortung geschickt in Richtung auf `die Juden´ ab.

Mit dem Beginn der Neuzeit wurden Juden zum größten Teil aus ihrer ökonomischen Vormachtstellung gedrängt und es gelang ihnen bis zum 18. Jahrhundert dem Ghetto zu entringen und sich aktiv am Arbeits- und Wirtschaftsleben zu beteiligen. Sie gehörten zu großen Teilen im 19. Jahrhundert zum Mittelstand und waren weit gehend in die Gesellschaft integriert (assimiliert). Alle, wer sie auch waren, betonten ihre Zugehörigkeit (Loyalität) zum Heimatland (Deutschland, Frankreich, Russland usw.). Sie zogen wie andere im 1. Weltkrieg als Bürger des jeweiligen Landes gegeneinander in den Krieg und waren weit gehend gleichberechtigt.

Trotzdem blieb die Erscheinung (das Phänomen) des fremden-feindlichen, wirtschaftlich begründeten Sündenbockdenkens und des rassistischen Antisemitismus. Nach der von vielen Deutschen
als schmachvoll erlebten Niederlage 1918 griff der deutsche Faschismus bald den Glauben an eine wie auch immer geartete Allmacht `der Juden´ auf und nutzte ihn mit seiner Weltverschwö-rungstheorie aus.  Die Nazis konstruierten die Idee einer jüdisch-sozialistischen-bolschwestischen Weltverschwörung und schoben
ihr alle Schuld am verlorenen Krieg in die Schuhe. Man kann es vergleichen mit den Ursachen der Progrome gegen Juden im Mittelalter. Immer, wenn eine Hungersnot, eine Pest oder ein Kriegszug eine Stadt leiden ließ, schoben die Stadtväter die Schuld `den Juden´ in die Schuhe und sicherten damit ihre Macht. Denn sie wuschen sich damit von Verantwortung für Missstände  in der Stadt frei. Und das Volk wurde aufgehetzt, seinen Zorn, seine Angst durch die blutigen Überfälle auf jüdische Ghettos abzureagieren (Sündenbockdenken).

Allerdings ist der Antisemtismus kein typisch deutsches Phänomen: Die russischen und polnischen Progrome zeigten, dass die Fremdenfeindlichkeit auch dort der Machterhaltung des Adels dienten. Vergleichbar ist die Schwarzenfeindlichkeit (Antinegroismus) in den USA oder die wirtschaftlich begründete Verfolgung der Indianer als minderwertig dargestellte Bevölkerungsgruppe. In der Türkei wurde Anfang des 20. Jahrhunderts die armenische Bevölkerung auf das grausamste verfolgt, aktuell sind es die Kurden, die dort
unterdrückt werden. Der Krieg in dem ehemaligen Jugoslawien  von Serben gegen die Kosovo-Albanier trägt auch stark rassistische Züge.

Allerdings hat die kriminelle Verfolgung der Juden in der Zeit von 1933 bis 1945 in Deutschland mit mehr als 6 Millionen Toten  und unzähligen seelisch misshandelten Mitmenschen gezeigt, wie ein gesellschaftlich erzeugter Hang zur gemeinschaftlichen Gewalt gegen diese Gruppe der Mitbürger in ökonomischen Krisen 
verbrecherische Absichten unterstützen können. In der Weltgeschichte hat es nichts Vergleichbares gegeben. Denn hier war eine fabrikmäßig organisierte Vernichtungsmaschinerie in Gang gesetzt worden, deren Terror tiefe Wunden in das Weltgewissen geschlagen hat.

H. Rosenthal, Materialien zum Projekttag „Machtergreifung" an der HS-Weener;
vom 30. Januar 1983 (aktualisiert am 7. Januar 1999)

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