Impressionen von den Ostfriesischen Hochschultagen 2017
Hasso Rosenthal
Der Arbeitskreis lud für den 29. bis 31. März 2017 zu den Hochschultagen in Aurich (Europahaus) ein. Sie fanden im Wesentlichen in Kooperation mit der Hochschule Emden-Leer statt.
Kooperationspartner war auch die Ostfriesische Landschaft mit ihrem Regionalen Pädagogischen Zentrum.
Im Europahaus fand auch eine Schulbuchausstellung statt. Die Teilnahme für GEW-Mitglieder war kostenlos.

Die Teilnehmer setzen sich. Leise unterhält man sich, ordnet seine Papiere, legt Blätter für die Mitschrift bereit, holt den Stift aus der Tasche. Die Referentin stellt sich vor, berichtet kundig von ihrem Spezialgebiet. Der Beamer wird kontrolliert. Aufmerksam wird zugehört. Anschließend berichten die Anwesenden aus ihrem Schulalltag. Man reagiert aufeinander, Lösungen werden angeboten. Eine zitiert Brecht: „Ich habe Vorschläge gemacht, manche wurden angenommen.“ Man lacht, ergänzt die Dialoge, nickt, schreibt in Stichworten mit. Die Moderatorin fasst Vortrag und Diskussion zusammen. Papiere werden gerafft, Stühle werden `rangeschoben. Die Versammlung verlässt den Raum. Beim gemeinsamen Kaffee tauscht man die Eindrücke aus.

Szenenwechsel: Ein Lehrerbüro in Irgendwo. Eine Kollegin sitzt vor ihrem Tablet, Sie liest einige Seiten zum gleichen Thema bei Facebook. Tippt ihre Impressionen ein. Und wartet. Irgendwann in Irgendwo kommt eine Reaktion, keine Aussage. Wie viel ärmer ist das einsame Tippen am Bildschirm? 

Die Ostfriesischen Hochschultage sind da ein ganz anderes Kaliber. „Besser als „Facebook“ oder „What´sapp“ “ war der Kommentar einer Teilnehmerin der Ostfriesischen Hochschultage im Europahaus Aurich, veranstaltet vom Arbeitskreis Ostfriesische Hochschultage des Bezirksverbandes Weser-Ems der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Nur hier kann man schulform-übergreifend „Wissen tanken“ und Erfahrungen im Gespräch austauschen. Das Motto war: Lebenswelt Schule - Grenzüberschreitungen im "Guten Unterricht" und in der "Sozialen Arbeit" 

Seit 200 Jahren organisieren Lehreinnen und Lehrer Fortbildung in Eigenregie in Ostfriesland. Die Form der Hochschultage, dass eine Universität oder Hochschule mit ihren Dozenten eingeladen wird, um die Forschungsergebnisse den „Praktikern“ im Bildungsbereich vom Kindergarten bis zur Erwachsenenbildung anzubieten gibt es seit 1954 im Zweijahresablauf zum 29. Mal. Dieses Mal arbeitete die Hochschule Emden-Leer mit, aber es waren auch Dozenten aus Oldenburg und Bremen dabei. Kooperationspartner waren auch das Regionale Pädagogische Zentrum Aurich und die bekannte Bildungsstätte Europahaus Aurich mit der sehr ansprechenden Anlage. 

Die Auftaktveranstaltung eröffnete im Europahaus Aurich Jürgen Richter, der Vorsitzende des Arbeitskreis Ostfriesische Hochschultage. Grußworte sprachen Stefan Störmer (Vorsitzender des GEW-Bezirksverbandes Weser-Ems und Prof. Dr. Gerhard Kreutz (Präsident der Hochschule Emden-Leer). 

Auf dem Eröffnungsvortrag durch Prof. Dr. Eric Mührel: „Lebenswelt Schule und Sozialpädagogik – Perspektiven für eine zukünftige Schulentwicklung und (Aus-)Bildung „ ging er auf den „Machbarkeitswahn“ im Bildungswesen ein, umriss eine Bildungskrise mit den Begriffen „sprachlose Kinder“, „verfehlte Inklusion“, Messbarkeitswahn“, „Bürokratie“, „Mangel an PädagogInnen“ und die hohe Zahl von „Quereinsteigern“ ein. Er belegte, dass eine schlecht ausgestattete Schule nicht mit Illusionen verbessert oder erweitert werden können. Er forderte, dass die Schule im Problembereich des Föderalismus innehalten müsse, um einen Ort der Muße, der Willenserziehung, der demokratischen, solidarischen Lebenswelt werden zu können. Er hob die Bedeutung einerseits der Trennung von Schul- und Sozialpädagogik, andererseits der Wirksamkeit einer guten Vernetzung hervor. 

Eric Mührel benannte die Vision einer pädagogischen Ausrichtung in Richtung auf ein Kooperationsmodell. Nach John Dewey sei Erziehung ein soziales Phänomen. Dazu gehört die Gestaltung fächerübergreifender Vorhaben und Projekte. Erziehung und Gesellschaft müssen nach Dewey miteinander enger verwoben werden. Die Schule sei eine Gesellschaft im Kleinen (embyoniccommunity). Mührel fragte, wer das Denken der Schule bestimme und machte deutlich, dass die Lebenswelt außerhalb der Schule stärker in Rechnung gestellt werden müsse. Ziel müsse das Selbstwertgefühls, die Förderung kooperativen Handelns und die Bereitschaft zur aktiven Partizipation des zukünftigen Bürgers sein. Dazu gehöre auch die Einbeziehung des Konflikts aus objektiver Leistung und sozialer Bildung. Dafür müsste Ressourcen bereitgestellt werden und die Struktur des Schulwesens („Schullandschaft“) geändert werden. Er forderte eine stärkere Brückenfunktion der Sozialpädagogik für die Bereiche Schulpädagogik du Sozialarbeit. Darum müssten die „alten Ausbildungsmuster“ hinterfragt werden.Musikalische Begleitung gab es von der Gruppe „ensembleartistique GRAND-Z: panafrikanische Tänze, Trommelfeuer und Maskenschauspiel 

Die Eröffnungsveranstaltung der Hochschultage endete mit einer Podiumsdiskussion unter dem Motto: „Flüchtlinge: Neue Herausforderungen und Chancen in Gesellschaft und Schule mit Roman Siewert (Sozialnetzwerk Nazareth-Emden), AbdourOuvedrago (Integrationsrat Emden), Sonja Ryll (Verein Internationales Emden) und Prof. Dr. Carsten Müller (Hochschule Emden-Leer). Kern der Diskussion war die gesellschaftliche Aufgabe der Integration und die Forderung nach besseren Bedingungen dafür. Stichpunkte waren Alltagsfähigkeit, Helferprinzip, Selbstständigkeit und weitere Professionalisierung der Beschäftigten. Diskutiert wurde auch die Frage: „Welche Bedingungen müssen geschaffen werden, um `gut in der Schule´ leben zu können.“ 

Die Veranstaltungen des Tagungsprogramms liefen unter dem Motto „Guter Unterricht und soziale Schule“. Eröffnet wurden sie mit dem Vortrag von Prof. Dr. Hilbert Meyer, der vom „Handwerkszeug, Takt und Ethos“ der guten Lehrerinnen“ berichtete. Ziel war das Herausarbeiten des pädagogischen Ethos, um in Konfliktsituationen handlungsfähig zu bleiben. 

Birte Engelberts informierte in ihrem Workshop die Bedingungen der vorurteilsbewussten Lernumgebung, die es Kindern erlaubt, das Gefühl der Zugehörigkeit, den gemeinsamen Miteinanders zu entwickeln. 

Im nächsten Workshop berichtete Prof. Dr. Herschelmann über Kinderschutz in der Schule. Es ging um familiäre Risikofaktoren und die Frage, wie PädagogInnen mit Gefährdungen von Kindern durch die außerschulische Welt umgehen können. 

In weiteren Workshops mit Gudrun Stüber, Franz Wester und Prof. Dr. Hilbert Meyer ging es um die professionellen Leitbilder von PädagogInnen, an denen sich gute Lehrer orientieren. Erörtert wurde auch die Frage nach entlastendem Zeitmanagement, das bei der Ausweitung der schulischen Arbeitszeit mit der Ganztagsschule erfolgt. 

Mit ihrem Vortrag „Inklusion in den Niederungen des Schulalltags“ erläuterte Prof. Dr. Carla Wesselmann, wie die LehrerInnen dem Problem der Feindlichkeit gegenüber mit Behinderung (Ablism) begegnen kann. Wenn es gelingt, das Schuljahr, den Schulalltag für den Einzelnen, die Einzelne freundschaftlich und erfolgreich zu bewältigen, gemeinsame Unternehmungen positiv erlebt werden, gelänge es, Vorurteile auch Schülern mit Handicap abzubauen, ein Wir-Gefühl entstehen zu lassen. Die rein physische Integration von behinderten Kindern reicht nicht aus. Sie muss angemessen begleitet werden. Es müsse normal werden, dass man keinem Mitschüler abwertend oder unhöflich begegnet. Es müsse den Kindern deutlich gemacht werden, dass es Menschen weh tut, wenn man abfällig über sie spricht. Der gemeinsame Unterricht schützt nicht vor Hänseleien oder Mobbing. Es braucht PädagogInnen, die Kinder und Jugendliche in ihrer Persönlichkeit stärken, die den sensiblen Umgang mit Unterschieden fördern. 

Im Vortrag von Prof. Dr. Till-Sebastian Idel (Uni Bremen) ging es um das Thema: „Jenseits des Unterrichts – Pädagogisches Arbeiten in multiprofessionellen Ganztagsschulen“. Deutlich wurde, wie sich die schulische Angebotsstruktur im Ganztag ändert, wie sich Schule zu außerschulischen Bildungsangeboten öffnet. Vorbild kann da das Modell der britischen Community-School sein. 

Hervorgehoben wurde auch, dass die Belastungen für Lehrpersonen, Sozialpädagogen, Sozialarbeiter und Erzieherinnen erheblich wachsen, sich die Trennung von unterrichtlicher und außerschulischer Schularbeit ändert. Entlastungen müssen hier eingefordert werden. Eine Rhythmisierung des Schuljahres, der Monate, Tage und Stunden können hier hilfreich werden. 

In den anschließenden Workshops, moderierte von Wiebke Davids, Prof. Dr. Martina Weber, Prof. Dr. Til-Sebastian Idel, Carsten Brunke, Carolin Bebek, Dr. Anna Schütz und Prof. Dr. Carla Westermann wurden die benannten Punkte vertieft, fand ein guter Austausch mit den Erfahrungen in der Schulpraxis statt. 

Dozenten und Lehrerinnen, Lehrer, Kindergärtnerinnen waren hoch zufrieden mit den Veranstaltungen: Weil die Dozenten sehr anregende und informative Infos aus dem Praxisbereich bekamen und die KollegInnen sehr angetan waren von den Referaten der Dozenten ("beeindruckende Darstellung der Probleme"...). Obwohl die Anmeldungen zu den Hochschultagen sehr unbefriedigend waren, kamen dann mit den unangemeldeten zahlreichen Teilnehmern noch genug Leute in die einzelnen Seminare. Einerseits haben sich die Hochschultage als gute Fortbildung der GEW in Kooperation mit der Hochschule Emden-Leer, der Ostfriesischen Landschaft (Regionales Pädagogisches Zentrum) und dem Arbeitskreis gelohnt. Andererseits muss die GEW ebenso wie andere Bildungsträger aktiv werden, um die gute Form der „Face to Face“-Kommunikation in Seminaren und Workshops, des direkten, lebendigen Austauschs zu erhalten und wieder auszubauen. 

Hasso Rosenthal