Demokratiegeschichten


Unsere Demokratie verteidigen

Über Politikverdrossenheit wird in letzter Zeit viel geredet. Ich habe den Verdacht, dass da eine Linie verfolgt wird, deren Endpunkt von vielen nicht gesehen wird, die sich zur Zeit an diesen Zug anhängen. 

Mich erinnert das an einen Satz von Wilhelmine Siefkes, die 1933 beklagte, dass die Politik durch Verleumdungen und Lügen so lange schlecht gemacht wurde, bis ein Teil der Bevölkerung den braunen Rattenfängern auf den Leim ging. 

Dazu ist mir eine Geschichte eingefallen, die das Problem zu verdeutlichen sucht. 

Parteien

Einen Abend vor der Wahl treffen sich Ute und Hinrich vor der Frittenbude. Sie wollen gerade etwas für das Abendbrot holen. "Moin!" rufen sie zusammen. Ute lacht: "Na, interessiert dich die Wahl morgen?" "Klar!" schmunzelt Hinrich, "Interessierst du dich für Politik?" 

Kontert Ute: "Isst du? Natürlich interessiert mich, wer die Wahl gewinnt! Nach dem Krieg sind viele verhungert, weil die Nazis vorher eine schlechte Politik gemacht haben. Wenn sich da rechtzeitig genug interessiert hätten, wäre die Bande nicht an die Macht gekommen!"

Einen Abend nach der Landtagswahl treffen sich die beiden wieder bei der Post in Klugdorf, einem Ort am küstennahen alpinen Mittelgebirge. Mit dem Wahlergebnis ist Ute zufrieden, Hinrich hätte sich mehr für seine Partei erhofft. 

Was beide ärgert, bringt Ute auf den Punkt:" Mensch, gestern sind zu wenige zur Wahl  gegangen. Und überall reden sie von der Politikverdrossenheit. In jeder Talkshow wird es durchgekaut. Wie die Geier warten viele, dass die nächste Bundestagswahl zur Schlammschlacht wird. Genug jetzt! Warum reden die alle nicht von unserer seit 50 Jahren erfolgreich arbeitenden Demokratie? 

Die reden noch alles kaputt!" Hinrich ergänzt: "Mein Großvater Hinrich, der schon 1922 in die Partei eingetreten ist, hat gestern genauso geschimpft! 

Er hat gesagt, dass ihn das an die Streitigkeiten 1928 erinnert. `Der Ekel vor der Politik hat eine lange, finstere, widerlich braune Vergangenheit!' sagte er und  schlürfte seinen Tee. Ich finde es schlimm, wie leicht auch Politiker  von CDU und SPD selbst die Vorurteile gegen Politiker ausschlachten. 

Unpolitisch und gefährlich für unser Land sind Verurteilungen der  Politik  über einen Kamm. Dabei wissen wir doch hier am Bestenwie viele Politiker den Rücken krumm arbeiten, um f ür ihre Gemeinde etwas gutes zu erreichen. Ob das nun die Arbeit für den Sportverein ist, die Altenarbeit, das Engagement für den Erhalt von Arbeitsplätzen oder auch das Ferienprogramm, an dem Tausende von Kindern ihren Spaß hatten. Mensch Ute, hier bei uns arbeiten so viele ehrenamtlich, und das ist  überall in unserem Land so!" 

Hinrich und Ute wissen, dass in der Bundesrepublik Deutschland ca. zwei Millionen Bürger in Parteien organisiert sind. Davon sind mehr als achtzigtausend täglich in ihrer Freizeit ehrenamtlich aktiv. Sie  gestalten unsere Gesellschaft mit. 

Mit allem notwendigen Streit, mit allen Kompromissen. Und sie bringen unser Land voran. Lassen auch bei  Niederlagen den Kopf nicht hängen. Sie sind die Hefe im Teig unserer  komplexen Gesellschaft. Und brauchen Leute, die mitmachen. 

Dabei werden  auch Fehler gemacht. Und wird daraus gelernt. Ute hat sich in ihrer Partei dafür stark gemacht, dass im Jugendzentrum ein Sozialarbeiter eingestellt wird. Diese Forderung wurde von ihrer Fraktion im Stadtrat aufgegriffen. Hinrichs Partei ist dagegen. Hinrich meint auch, dass die Jugendlichen selbst sich zusammenschließen sollten. "Das Geld können wir für die Drainage auf dem Sportplatz viel besser gebrauchen!" Schimpft er. Utes Partei hat die Mehrheit im Stadtrat. 

Ein Sozialarbeiter wird eingestellt, im Jugendzentrum ist jetzt viel mehr los. Die Fußballer schimpfen über den matschigen Platz im Herbst.

Ute und Hinrich treffen sich immer öfter. Nicht nur auf  Parteiversammlungen. Sie sind in verschiedenen Parteien. Und befreundet.

Wir sind alle darauf angewiesen, dass unsere Demokratie funktioniert. Gemeinsam müssen wir verhindern, dass ihre Leistungen schlecht geredet werden.

H. Rosenthal