Hasso Rosenthal
Lehrer an der HS-Weener                                                                                                                                                                                     25. 9. 1987 
Wiesenstr. 2
26826 Weener 

An die Reaktion der Rheiderland-Zeitung

Gedanken zu dem Problem der Integration Behinderter im allgemein bildenden Schulwesen.

Was ist „normalerweise“?

Ein Kind wird geboren, lernt mit den Jahren seine Welt kennen, die mit jedem Tag wächst und vielschichtiger wird. Dazu gehören die Eltern, die Wohnung, die nahe Umgebung, Nachbarn – zu denen es irgendwann Kontakt aufnimmt. Kinder leben dort, die lernt es kennen. Ältere, jüngere und die, mit denen es in der gleichen Kindergartengruppe spielt, zankt, lacht, redet. Einige gehen zusammen in die gleiche Straße nach Hause. Sie lernen sich näher kennen. 

Umfeld wird gelebt. Weiter natürlich auch in der Schulzeit. Dieses nicht zu beschreibende Netz von Tausenden von Querverbindungen, Fäden, an denen das Leben eines Heranwachsenden hängt. Die lebensnotwenig gefühlt werden für das „Wohlsein“. Der Ärger mit dem zänkischen Nachbarn gehört dazu. Der Klatsch und die überraschende Hilfe, wenn das Kind auf der Straße hinfällt, sich das Bein aufschrammt und die Nachbarin es aufhebt, tröstet und zur Mutter bringt. Denn in dem Moment kann es ja nicht laufen, normalerweise schon. 

Da wird ein Kind geboren, das ist gehbehindert. Mit unendlich viel Mühe ermöglichen es die Eltern, dass es die begrenzten Chancen seines Lebens wahrnimmt. Viel Umsicht und Nachdenken gehören dazu. Es erlebt dieses Netz des Wohlseins auch in der Schule mit anderen „normalen“ Kindern. Lacht und streitet wie die anderen Mitschüler. Sicher. Auf der Straße erlebt es viele Menschen als blicklos, weil viele das „Nicht-Normale“ leugnen, nicht darauf reagieren können. Hast du schon einmal einen Rollstuhlfahrer nach der Uhrzeit oder nach der Straße Soundso gefragt? 

Behinderte sind also in unserer Gesellschaft, dem Sozialstaat, schon genug gestraft. Darum müssen wir alles tun, um den von Behinderung Betroffenen „das Normale“ möglichst weitgehend erlebbar zu machen. Sie sind ja schon ohne ihre Schuld gehandicapt. Deshalb muss natürlich eine Integration von Behinderten angestrebt werden. Damit jemand wie Stefan mit den Kindern aus Stapelmoor ZUSAMMEN zur Schule gehen kann. Und wenn der Landkreis kein Geld hat, warum können dann so viele andere Bauvorhaben durchgeführt werden? Warum versucht man nicht auch das Sozialministerium für eine Zuschuss zu gewinnen? Warum versucht man nicht erst einmal, alle Mittel und Wege auszuschöpfen, um Abhilfe auch grundsätzlicher Bedeutung zu schaffen? Denn pro Schülerjahrgang gibt es einen bestimmten Prozentsatz behinderter Jugendlicher.

Und: Integration ist ein erklärtes Ziel aller gesellschaftlichen Gruppen. Dementsprechend sollten auch Schulgebäude und alle öffentlichen Bauten so beschaffen sein, dass körperbehinderte Schüler wohnortnah beschult werden können. 

Andernfalls: Innerhalb weniger Wochen (bei einer Beschulung außerhalb des Wohnorts) würden die sozialen Kontakte abbrechen, wäre Stefan gezwungen, nach Leer zu fahren. Schule ist ein wichtiger Lern- und Erlebnisraum für Kinder. Jeden Tag sind sie fünf bis sechs Stunden dort. Dazu kommen die vielen freundschaftlichen Kontakte, die über die Schule hinaus auch für den Nachmittag, die Ferien entstehen. Wer der These nachhängt, Behinderte könnten ja im Kreis Leer an einer Schule unterrichtet werden und sich dagegen sperrt, alle Schulen offener zu machen, nimmt in Kauf, wissentlich (behaupte ich einmal), dass wichtige Lebensfäden eines solchen Jugendlichen abgekappt werden. 

Eine Technikstunde in der 7. Klasse 

Heute Vormittag. Im Technikraum. Stefan kommt als Erster in die Tür, Thomas holt ihm ohne zu fragen den Rollstuhl (`Chopper'). Im Technikunterricht muss Stefan ja beweglich sein (Material, Werkzeug holen, sägen). Hinrich räumt die Hocker an Stefans Platz beiseite, damit er genug Platz hat. Tina und Linda räumen die Fensterbank auf, ordnen die Schutzbacken auf den Schraubstöcken, Kerstin und Sandra leeren volle Mülleimer aus. Andreas lässt sich von mir einen Holzball geben, rennt mit Manfred zum Kickerspiel, das Herr Velbinger mit Schülern gebaut hatte. Katrin und Sandra kommen wieder, stecken Marco einen Schneeball in den Nacken. „Das kriegst Du in der Pause wieder!“ schimpft er und Sandra bemerkt trocken: „Herr Rosenthal schreibt  und schreibt ... „

Wir fangen an. Herstellung von Tischtennisschlägern. Stefan fährt herum, sammelt  Technikmappen ein, Manfred und Jan-Dirk verteilen aus Schrank1 Laubsägen, Laubsägetischchen, Feinsägen und Schleifkorken, packen die Sachen auf den Gerätewagen, zählen das Werkzeug durch. Marco düst durch den Raum, ich rufe ihn an seinen Platz. Aus Schrank 2 haben Katrin und Sandra die Holzfeilen geholt.

Ich erkläre die Herstellung des Holzgriffs, Marco kommt und zeigt mir, wie weit er ist. Die Schüler gehen zu Stefan und kaufen von ihm  Schleifpapier bzw. Laubsägeblätter, fangen mit dem Sägen, Feilen, Schleifen oder Zeichnen an, nachdem sich jeder das passende Werkzeug geholt hat. Ich beobachte die Arbeitsformen, klatsche in die Hände. Das Zeichen, das Werkzeug wegzulegen und zu mir zu kommen. Wir diskutieren mögliche Fehler und wie man sie vermeiden kann. Dann legen sie richtig los.

Plötzlich höre ich einen lauten Knall. Marco hat mit der flachen Seite der Säge wütend auf den Tisch geschlagen. Er ärgert sich, weil das Blatt stumpf ist und er Schwierigkeiten hat, konzentriert zu arbeiten. „Der schlechte Handwerker schimpft auf sein Werkzeug!“ Ich bitte ihn ruhig zu mir (Er steckt die Säge unfallträchtig in die Sägespur) und gehe mit ihm in den Nebenraum. Erkläre ihm, wie wichtig es ist, ruhig und zielbewusst zu arbeiten. Marco akzeptiert die Ermahnung und geht wieder an seine Arbeit. Im Großen und Ganzen kann man sich im Technikraum auf ihn verlassen. Stefan kommt an, er kommt  mit der Sägelinie nicht klar, da er als Spastiker Schwierigkeiten mit seiner Motorik hat. Ich säge ihm eine Führungsnut, sägen soll er allein. Die anderen arbeiten, kommen ab und zu mir und zeigen ihre Zwischenergebnisse. Viele Bestätigungen muss ich geben. Aber Jan-Dirk sägt und sägt ohne Ziel. Beim Wandern von Platz zu Platz, dem nickenden oder helfenden Schauen über die Schultern sehe  ich, dass er vergessen hat, die Sägelinie einzuzeichnen. Er muss mit  seinen Gedanken sehr weit weg gewesen sein. Beim Zeichnen helfe ich ihm.

"Herr Rosenthal, Marco hat mir Marmelade auf meinen Schläger geschmiert!" beschwert sich Linda. "Aber ich dachte, es wäre mein Schläger!" rechtfertigt sich Marco. Er blickt suchend: "Wo ist denn mein Schläger?" Wir erklären ihm ruhig, dass er nirgendwo Marmelade hinschmieren dürfe. Und dass die Pause schon längst vorbei sei. Und dass er das Brot wegzupacken habe. Er entschuldigt sich bei Linda. Dann arbeiten wieder alle werkstückbezogen. Viele halbieren gerade das Griffstück für den Schläger. Dabei unterhalten sie sich über `Gott und die Welt', Tiere, Fernsehen, Schlager, Schwierigkeiten beim Sägen.

Ich klatsche wieder in die Hände, alle legen die Werkstücke weg und ihr Werkzeug. Ich sage, wer ausfegt. Alle anderen haben bestimmte Aufgaben, damit das Aufräumen reibungslos und geordnet erfolgen kann. Abschließend besprechen wir gemeinsam die Zwischenzensur.
 

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